Am Schiffsfriedhof von Moynaq rostet ein altes Fischerboot vor sich hin, Usbekistan

Der Schiffsfriedhof von Moynaq Usbekistan Flagge

Moynaq, März 2004

Um 1/2 8 Uhr steht Rufat in unserem Hotelzimmer. Ob wir schon fertig sind und wann es endlich losgeht? Er will uns ja die Schiffe zeigen! Wir sind gestern gemeinsam mit dem 12jährigen Karakalpaken im klapprigen Linienbus nach Moynaq gesessen und haben Freundschaft geschlossen. Nachdem wir am späten Abend auf der staubigen Hauptstraße eingerollt sind, hat Rufat uns gleich noch das einzige Hotel des kleinen Ortes gezeigt. Ohne seine Hilfe hätten wir es wohl auch kaum gefunden, denn von außen deutet nichts darauf hin, dass das schäbige Haus mit dem verwilderten Vorgarten Gäste aufnimmt. Der junge Hotelbesitzer, der uns die Tür öffnete, war fast ein wenig überrascht, dass wir einchecken wollten. Er hat den alten Sowjetkomplex mit ein paar Freunden übernommen und hofft nun auf Katastrophentouristen, die den weiten Weg durch die Kyzylkum Wüste auf sich nehmen, um wie wir das ökologische Desaster des Aralsees aus erster Hand zu erleben. Wir sind seit langem die ersten Gäste und bekamen sein bestes Zimmer, das einzige mit Heizung. Eine intakte Kloschüssel gibt es drei Zimmer weiter, Wasser für die Spülung brachte er uns gestern noch in einem Kübel. Der junge Privatunternehmer hat die Zimmerwände neu ausgemalt, aber an vielen Stellen blättert die blaue Farbe bereits wieder ab und der hässliche, schimmlige Rumpf des halb verfallenen Hotels kommt wieder zum Vorschein. Als wir uns am Abend ins Bett legten, waren wir froh über unsere Taschenlampe und den eigenen Hüttenschlafsack.

"Wir kommen gleich", versuchen wir Rufat jetzt hin zu halten, während wir unsere Schlafsäcke zusammenrollen. Wir vereinbaren 8 Uhr vor dem Hotel. Ein schwerer Fehler, denn wir rechnen natürlich nicht mit Rufats neuer Digitaluhr. Als wir endlich aufbrechen, hält er Stefan die Zeit unter die Nase. 8:18 Uhr.

Gleich am Dorfrand begegnen wir der Katastrophe. Moynaq lag bis vor 20 Jahren auf einer Halbinsel mitten im damals drittgrößten See der Welt. Die ehemalige Küstenlinie ist noch eindeutig erkennbar, doch das Wasser ist längst verschwunden. Mit dem See verschwanden auch die Fische und damit die einzige Einnahmequelle des Ortes ebenso, wie das milde maritime Klima. Die Sommer in Moynaq wurden heißer und trockener, die Winter kälter. Heute weht ein grausiger Sandsturm über die desolate, mit stachligem Gewächs überzogene Ebene, am Himmel hängt eine bleierne Wolkendecke. Unzählige tote Muscheln am sandigen Boden sind stumme Zeugen einer besseren Zeit. Die Karakalpaken haben bereits einen Namen für die neue Einöde: Aralkum, Wüste des Arals.

Es ist 8:46 Uhr auf der neuen Digitaluhr. Rufat kennt die alten Fischertage Moynaqs nur noch aus Erzählungen, für ihn ist der ehemalige See ein riesiger Spielplatz. Voll Enthusiasmus klaubt er Muscheln auf. Stefan soll auch eine nehmen: Wenn man zwei ineinander verhakt und kräftig zieht, bricht schließlich eine. Der stolze Besitzer der intakten Muschel ist Sieger des Spiels und heißt fast immer Rufat. Gemeinsam wandern wir über unzählige Sanddünen immer weiter in den trockenen See hinein. "Ship!" ruft unser junger Führer plötzlich und läuft aufgeregt auf ein rostiges Schiffsskelett zu, das hinter dem nächsten Hügel hervorragt, und auf dessen Heck man gerade noch "Moynaq, Qaralpaq" ausnehmen kann. Hier ist also Moynaqs einst stolze Fischerflotte gestrandet. Traurig sitzen Schiffsrümpfe links und rechts eines von Menschenhand gegrabenen, versandeten Kanals. Ein letzter verzweifelter Versuch der Fischer, zu Beginn der 80er Jahre einen Weg zum sich stets weiter zurückziehenden See offenzuhalten.

Das Ufer des Arals liegt heute bereits 40km nördlich der Stadt, der verbliebene See ist nur mehr eine tote Salzsole. Seine Fläche schrumpft noch immer, denn der Amu Darya, der ihn speisen sollte, liefert heute kaum mehr Wasser. Schon seit jeher hat der Fluss Schmelzwasser aus den Höhen des Pamirs quer durch die Steppen Zentralasiens westwärts bis zum Aralsee transportiert. Alexander dem Großen war er schon als Oxus bekannt, alte Oasenstädte wie Bukhara und Khiva konnten Dank des Flusses überleben. Im 18. Jahrhundert ließ sich schließlich das Turkvolk der Karakalpaken, der "Schwarz Hüte", im Delta des lebensspendenden Stroms nieder. Doch schon kurz später fielen die Russen unter Tsar Alexander II über Zentralasien her, entmachteten die muslimischen Khanate und begannen sofort damit, die neu gewonnen Kolonien auszubeuten. Mit dem Sturz des Tsaren und der russischen Niederlage im ersten Weltkrieg hofften viele Zentralasiaten auf eine neue Unabhängigkeit, doch die Bolsheviken schlugen die Aufstände der Karakalpaken brutal nieder. Zu wichtig war die strategische Bedeutung der weiten Steppen zwischen Europa und Asien.

Außerdem hatten die Sowjets grandiose Pläne mit der Region: Mit einem gigantischen Netz an Bewässerungskanälen zweigten sie den Großteils der Wassermassen des Amu Daryas ab, um Steppenland nutzbar zu machen. Für ein paar Jahre blühte stromaufwärts die Kyzylkum Wüste und eine exportorientierte Baumwollwirtschaft spülte Geld in die Kassen Moskaus. Doch die Natur schlug bald zurück: Die Kanäle der Russen waren dilettantisch angelegt, die kommunalen Dammanlagen wurden kaum in Stand gehalten. Immer wieder brochen Dämme und kostbares Wasser überflutete unfruchtbare Wüste. Durch den veränderten Flusslauf entstanden ungeplante Seen mitten in der kargen Kyzylkum, dafür begann der Aralsee immer schneller zu schrumpfen. Für Bewässerung ist das heiße, kontinentale Klima Zentralasiens ohnehin nur begrenzt geeignet. Die Verdunstung ist hoch, die Böden versalzen. Insgesamt gelten heute 44 Prozent des nutzbaren Ackerlands Usbekistans als stark salin, eine weiße Kruste legt sich vielerorts über das Land. Vom Bus sah es bei unserer Anfahrt nach Moynaq gestern oft so aus, als wären die Felder mit einer dünnen Schneedecke überzogen.

Das Erbe der Sowjetzeit ist nur schwer abzuschütteln. Fast 15 Jahre sind seit der Gründung des unabhängigen Usbekistans verstrichen, doch die Landwirtschaft ist noch immer fest in staatlicher Hand. Für Landreformen fehlt den ehemaligen Kommunisten, die die Macht im jungen Staat an sich gerissen haben, der politische Wille. Und das Land braucht dringend Devisen, wodurch die ineffiziente und Wasser fressende Baumwollproduktion kaum zurückgefahren wird. Verlierer sind stromabwärts die Karakalpaken. Nur in seltenen Jahren erreicht heute der Amu Darya den Aral, allzuoft versiegt das wenige Wasser zuvor im Sand.

In Moynaq ist heute nicht einmal mehr Geld zum Abtransportieren und Verschrotten der alten Schiffe vorhanden, die am ausgetrockneten Seeboden weiter vor sich hinrosten. Rufat ruft zum Sturm auf die verlassene Flotte: Er kennt sich bestens aus und weiß, wo man hinaufklettern, wo man hineinschauen kann. Wir entern einen Kahn, steigen auf die verrostete Kommandobrücke und in den Rumpf des alternden Ungetüms. "Voda! Voda!" - "Wasser! Wasser!", schreit Rufat und wir schließen eifrig die quietschenden, noch intakten Bullaugen. Wenn es nicht gerade so lustig wäre, die Tragik unseres Spiels wäre wohl schwer zu überbieten. Fast 2 Stunden führt uns unser kleiner Guide am Schiffsfriedhof herum. Wir jausnen im Windschatten einer Düne unsere mitgebrachten trockenen Keks, bevor wir uns schließlich auf den Weg zurück ins Dorf machen.

Um 11:08 Uhr stehen wir wieder auf der Hauptstraße von Moynaq. Rufat hat gestoppt: Genau 10 Minuten und 48 Sekunden für die Strecke vom Schiffsfriedhof. Zu kurz, um die Tragödie des Arals vergessen zu können. Und auch hier im Dorf quälen überall Erinnerungen an bessere Tage. Moynaqs Ortsschild ziert ein Fisch. Auf einem Mosaik lacht uns eine Fischersfrau entgegen. Am Hauptplatz steht auf einem Podest ein buntes Schiff. Ein aufgewecktes junges Mädchen auf der Straße will wissen, was wir hier machen. Als wir ihr zu erklären versuchen, dass wir uns bei der rostenden Fischerflotte umgesehen haben, winkt sie unwirsch ab, die interessiert doch niemand. Ob es uns hier gefällt, bohrt sie nach. Wir bringen es nicht fertig, ihr die Wahrheit zu sagen: "Moynaq good", deuten wir, worüber sie sich offensichtlich freut, doch wir fragen uns, wie lang sie wohl hier bleiben wird. Viele haben dem Dorf bereits den Rücken gekehrt, Moynaq ist ein sterbender Ort. Die, die bleiben, wollen die triste Lage oft nicht wahrhaben. Einige saufen sie einfach weg. Vodka sei auch um einiges gesünder als das stark versalzene Trinkwasser, argumentiert ein junger Bursch. Andere träumen von irrwitzigen Projekten: Ein Gerücht von Plänen, sibirisches Wasser vom hunderte Kilometer weit entfernten Ob in den Aral umzuleiten, macht gerade im Dorf die Runde.

Wir verabschieden uns von Rufat und versprechen Fotos von unserem gemeinsamen Ausflug zu schicken. Er zeigt uns nochmals stolz seine Uhr, bevor er davondüst. 13:35 Uhr. Auch für uns wird es langsam Zeit aufzubrechen. In weniger als einer Stunde fährt der einzige Bus zurück ins 4 Stunden entfernte Nukus, Karakalpakstans Hauptstadt. Bevor wir zur Bushaltestelle gehen, holen wir noch unsere Rucksäcke vom Hotel, wo uns erst jetzt ein Gemälde in der Eingangshalle auffällt. Kleine Fischerboote schaukeln darauf idyllisch auf einem See. "Moynaq, 1977" können wir rechts unten entziffern.

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