Jesus Statue im Tempelbezirk der Mormonen in Salt Lake City, USA

Von Predigern und Propheten USA Flagge

Salt Lake City, Oktober 2007

Salt Lake City, die Hauptstadt der Mormonen. Schon die Fahrt im Greyhound Bus hierher in den staubtrockenen Bundesstaat Utah am Fuße der Rocky Mountains war religiös durchwachsen. Mit der 30 stündigen Busfahrt von Chicago bis Salt Lake City haben wir wohl unseren eigenen Busfahrt-Rekord gebrochen, und zur Strafverschäfung wollte der schwarzer Prediger am Sitz hinter uns nicht aufhören zu quasseln. Er wollte den ganzen Bus davon überzeugen, dass die Evolutionstheorie nicht stimmen kann. In Österreich hätten ihn genervte Mitreisende wohl bald zum Schweigen gebracht, doch die Amerikaner im Bus diskutierten während der ganzen Fahrt höflich mit. Am Ende hatte er zwei Bananenschachteln voll erbaulicher Bücher verteilt.

Unser Prediger war nicht der Erste, der mit religiösem Eifer im Westen der USA unterwegs war. Schon 1847 floh der Prophet und Mormonenführer Brigham Young mit seinen Anhängern von der Ostküste vor religiöser Verfolgung in die Halbwüste von Utah. Hier bauten die Pioniere an einer neuen Gesellschaft, bewässerten die Wüste, errichteten in mühevoller Arbeit einen ersten Tempel und legten so den Grundstein für den Erfolg ihrer Religion und gleichzeitig für das heutige Salt Lake City.

Wir sind in der Stadt, um unser Mietauto abzuholen. Eigentlich wollten wir uns an der Ostküste ein Auto kaufen, doch die gestrenge US-Behörde in New York machte uns einen Strich durch die Rechnung. Unsere neuen, fälschungssicheren EU-Pässe gelten bei der Autozulassungsbehörde nämlich nicht als Identitätsnachweis. Keine Identität, keine Nummernschilder. Also sind wir mit dem Bus nach Utah gefahren, wo wir nun einen Tag Zeit haben, bis wir unser kurzfristig reserviertes Mietauto bei der lokalen Hertz Filiale abholen können.

Viel gibt es nicht zu tun in Salt Lake, und so machen wir uns auf, den Tempelbezirk im Herzen der Stadt zu erkunden, der als Zentrum der religiösen Macht der Mormonen gilt. Hier hat alles seinen Ursprung, selbst die Straßennummern von Salt Lakes schachbrettartig angelegtem Verkehrsnetz haben hier ihren Nullpunkt. Gleich beim Eingang zum Tempelbezirk warten adrett gekleidete junge Mädchen auf uns. Freundlich werden wir ins ultra moderne Visitor Center hereingebeten, wo Computer Terminals und interaktive Ausstellungsstücke das Leben der ersten Mormonen Pioniere und die Grundpfeiler der Religion erklären, der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ wie sie offiziell heißt.

Jede halbe Stunde beginnt eine gratis Führung durch den heiligen Bezirk. Unsere Führerinnen sind zwei junge Mädchen, eine aus Nigeria, die andere aus England. Die beiden machen gerade Missionsdienst. 18 Monate sind sie hier, so wie alle anderen Mädchen, die aus der ganzen Welt herbeiströmen, um ihrer Kirche zu dienen. Jeden Tag führen sie Touristen von 8 Uhr früh bis 8 Uhr abends durch den Tempelbezirk, 12 Stunden lang. Nur an einem Tag der Woche haben sie 3 Stunden Dienst – Zeit genug, um die wichtigsten Besorgungen zu erledigen. Bezahlt bekommen sie nichts, und auch für Flug und Unterhalt müssen sie selbst aufkommen. Die beiden scheint das nicht weiter zu stören. „Die ganze Gemeinde hat zusammengelegt, damit ich hierher fahren kann“, erzählt uns die junge Nigerianerin mit leuchtenden Augen zu Beginn der Tour.

Begeistert erzählen sie über ihre Kirche. Wir dürfen uns auch Videos anschauen, in denen Episoden einer Heile-Welt-Familie inszeniert werden: Papa spielt mit Bub Baseball, Bub hilft liebevoll kleiner Schwester beim Kraxeln, Oma erzählt im Schaukelstuhl den Kindern eine Geschichte. Eine perfekte Mormonenfamilie. Und zwar in alle Ewigkeit, denn anders als bei uns gibt es bei einer Hochzeit unter Mormonen kein „bis der Tod euch scheidet“, sondern die Bande wird für die Ewigkeit geschlossen: „Forever and eternity.“ Nur so, glauben die Mormonen, kann man auch nach dem Tod seine Familie wieder sehen.

Die beiden Führerinnen sind entzückt über das Familienidyll in den kurzen Werbefilmchen. Wir fragen vorsichtig, ob es bei ihnen nicht auch hin und wieder familiäre Probleme gibt, worauf sie strahlend mit einem „Wir lösen alles immer harmonisch“ antworten. Schnell wird jedoch klar, dass in ihrer heilen Welt nicht für alle und für alles Platz ist. Frauen sind am Besten dazu geeignet, daheim für die Kinder zu sorgen, denn das liege in ihrer Natur. Scheidung gibt es nur in Extremsituationen und Schwule sollten doch versuchen, ihre Krankheit zu überwinden. Bars und Pubs meiden die beiden. „Von Alkohol kann man ja süchtig werden“, meinen sie sichtlich besorgt, davon sei schon so manche heile Familie zerrüttet worden. Gott dulde daher keinen Alkoholkonsum. Warum Jesus bei seinem ersten Wunder Wasser gerade in Wein und nicht in vitaminreichen Orangensaft verwandelt hat, können sie uns allerdings nicht erklären.

Ein strenges Verbot gilt neben Alkohol auch für Zigaretten und sogar für Kaffee und Schwarztee. „Wie ist das mit Schokolade?“, wollen wir wissen. „Schokolade ist natürlich in Ordnung!“, strahlt die junge Engländerin, „ich esse für mein Leben gern Schokolade!“. Mit den beiden ist schwer zu diskutieren. Unser Einwand, dass so ziemlich jedes Genussmittel wohl glücklich, aber eben auch abhängig machen kann, lassen sie für Schokoladetafeln nicht gelten. Kakao, so erfahren wir, steht nicht auf der Liste der für Mormonen verbotenen Substanzen. Das genügt den beiden.

Zum Abschluss der Willkommenstour führen uns die Mädchen noch vor eine riesige Jesus Statue aus strahlend weißem Marmor. Sie drücken uns ein Bildchen mit dem Tempel in die Hand und nehmen vor der Gruppe Aufstellung. Sie haben noch ein besonderes Lied für uns vorbereitet, beginnt die Nigerianerin feierlich, und schon trällern die beiden los: „I lo-o-ove my fa-ami-ily“. Wir schauen uns ungläubig an. „I lo-o-o-ove my fa-a-a-a-a-ami-i-i-i-ily-y-y-y-y“ Mit Inbrunst schmettern die beiden den Text in unsere Richtung. Wir bedanken uns und verabschieden uns von ihnen: „Leider, wahrscheinlich doch nichts für uns.“ Die beiden sind ehrlich enttäuscht.

Den Tempelbezirk wollen wir allerdings trotzdem noch genauer erkunden. Leider dürfen wir in den Haupttempel selbst nicht hinein. Dorthin gehen selbst Mormonen nur für ihre wichtigsten Zeremonien: Taufe, Firmung, Hochzeit. Für die sonntägliche Messe gibt es neben dem zentralen Tempel eine kleinere Kirche, und auch das neu gebaute, hoch moderne Konferenzzentrum gleich hinter der Tempelanlage dürfen wir besichtigen. Der riesige Konferenzsaal fasst 21.000 Leute und ist damit mehr als zweimal so groß wie der Saal des Nationalen Volkskongresses der Volksrepublik China in Peking.

Ein älterer Mormone führt uns durch das neue Veranstaltungszentrum und präsentiert stolz die modernste Technik, die hier überall zum Einsatz kommt. Die Kirche schwimmt offenbar im Geld. Kein Wunder, überlässt ihr doch jeder Mormone 10% seines Gehalts, manche sogar noch mehr. Anhand von Gemälden, die an den Wänden der endlos langen Gänge hängen, erzählt uns unser Führer mit großem Ernst auch die abenteuerliche Geschichte der Religionsgründung: Ein paar Jahrhunderte vor Christi Geburt sind Israeliten mit einem kleinen Boot vom roten Meer aus aufgebrochen und sind nach einer gefährlichen Umsegelung Afrikas und des Kaps der Guten Hoffnung in Südamerika gelandet. Dort haben sie – man weiß leider nicht genau wo – eine blühende Zivilisation gegründet, der auch Christus nach seiner Auferstehung erschienen ist. Er hat dort noch ein paar Sachen richtig gestellt, die er vorher in Galiläa gesagt, aber nicht ganz so gemeint hat, und die jetzt eben falsch in der Bibel stünden. Was dann folgt ist eine lange Geschichte, kurz zusammengefasst: Die blühende israelitische Zivilisation Amerikas ist leider kurz vor der ersten Jahrtausendwende nach Christus spurlos verschwunden, aber der Prophet Mormon hat noch schnell vor dem Untergang die neuen Offenbarungen Christis auf goldenen Tafeln aufgeschrieben und auf seiner Wanderung durch den Kontinent kurz vor seinem Tod vergraben. Mehr als 1000 Jahre später ist Religionsgründer Joseph Smith in der Nähe von New York im Jahr 1827 darüber gestolpert und hat sie mit Gottes Hilfe ins Englische übersetzt. Die originalen Goldplatten sind leider verschollen, aber das sei ja mit den Steintafeln mit den 10 Geboten Moses auch so, meint unser Führer. Alles klar, wir bedanken uns höflich für die Erklärungen und verabschieden uns. Nach vier Stunden im Tempelbezirk haben wir fürs erste genug Heiligkeit getankt. Wir suchen uns lieber im Zentrum der Stadt ein Lokal mit gutem Wein und Bier, um den Tag gemütlich ausklingen zu lassen.

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