Ein alter Mann trinkt Buttertee, Kham

Die Pilger vom Meili Xi Shan Tibet Flagge

Zhongdian, Dezember 2003

Der Ort Dequin liegt abgeschnitten von der Welt im letzten Winkel Chinas südwestlichster Provinz Yunnan. Das kleine Nest nahe an der Grenze zu Tibet zwängt sich in einen engen Talkessel und ist umringt von majestätisch aufsteigenden Fünf- und Sechstausendern. Mit dem geschäftigen, rastlosen Treiben in Chinas aufstrebenden Megastädten im Tiefland hat diese vergessene Ecke des Landes wenig zu tun: Die engen Schluchten und die jetzt im Winter braun verfärbten und ausgedörrten Hochweiden sind das Land der Khampas und ihrer Yakherden.

Die Anfahrt nach Dequin durch die Täler des Yangste und dann des Mekongs ist für uns beschwerlich wie unvergesslich zugleich. Tagelang sind wir in elend langen Busfahrten von der Touristenstadt Lijang aus immer weiter in die Berge hinein unterwegs. Die klapprigen Busse haben keine Heizung. Am Morgen schneidet sich die klare, eiskalte Winterluft in unsere Lungen und lässt Eisblumen an den Fensterscheiben wachsen. Es stinkt nach ranziger Yakbutter und Zigarettenrauch, viele junge Tibeter sind permanente Kettenraucher. Doch wenn die Mittagssonne die Fenster des Busses erwärmt, und unsere Zehen langsam wieder auftauen, sind wir überwältigt vom farbenprächtigen Ausblick, der sich uns vom Fensterplatz aus bietet: Die Oberläufe von Yangtse und Mekong, zwei der großen Flüsse Asiens, schneiden sich hier kilometertief ins rote karge Gestein. Tief unter uns rauscht das milchig grüne Gletscherwasser des Yangtse, während sich der Bus über kurvige Straßen windet, die oft spektakulär an der Schluchtwand kleben. Wo das Tal breit genug ist, picken braune Lehmhäuser am Hang, aus dem Dorfbewohner kleine Gemüseterrassen aus dem Fels gehauen haben. An steilen, felsdurchsetzten Bergflanken fließen graue Gletscher bis zur Straße herunter. Das erste mal seit über 1 ¾ Jahren sehen wir wieder Schnee.

Kurz vor Dequin klettert unser Bus aus dem Yangtsetal hinaus. Wir überqueren einen Pass hinüber ins benachbarte Mekongtal, wo die Straße nach einer Biegung plötzlich den Blick auf das gewaltige Massiv des 6740m hohen Meili Xi Shans frei gibt. Nicht nur wir sind überwältigt: Die mitfahrenden Khampas heben zu einem spontanen Gebetsgesang an, und unser Busfahrer hält beim nächstbesten Aussichtspunkt kurzerhand den Bus an. Am Wegrand flattern hunderte bunte Gebetsfahnen, Fahrgäste kaufen einer alten Frau Reisig und auf bunte Zettel gedruckte Gebete ab, die gleich an Ort und Stelle in kleinen Öfen verbrannt werden.

Als wir kurz später am Fuß des Berges in Dequin ankommen und aus dem Bus klettern, sind wir sofort umringt von einer Menge wild drein blickender Tibeter. Zuerst können wir uns die Menschenansammlung in dem kleinen Ort nicht recht erklären, erst später erfahren wir, dass im heurigen Jahr der Ziege besonders viele Buddhisten um den heiligen Berg pilgern. Ausländische Touristen dürften sich selten hierher verirren: Während wir eine Unterkunft suchen, werden wir von vielen Khampas ungläubig angestarrt. Männer mit rotem Haarband und riesigen Tibetermessern im Gürtel drehen sich nach uns um, Frauen mit buntem Kopf- und Silberschmuck stecken flüsternd die Köpfe zusammen.

Viele der Pilger sind Yakhirten oder versuchen, auf ihren entlegenen Gehöften in der Einöde des Khams dem kargen Boden etwas Fruchtbares zu entreißen. Jetzt im Winter nehmen sie sich ein paar Wochen Zeit, um den Meili Xi Shan zu Fuß zu umrunden. Vor den Toren von Dequin ist ein richtiges Lager entstanden. Viele Pilger sind schon tagelang unterwegs und offensichtlich das erste Mal seit langem von den Hochweiden herunter ins Dorf gestiegen. So sind wir heute nicht die einzige Attraktion: Entzückt bestaunen junge Frauen einen kleinen Plastikhandspiegel, den ein chinesischer Händler zum Verkauf anbietet. Männer erstehen um 3 Yuan (0,30 Euro) die größten Sonnenbrillen, die es in China zu kaufen gibt. Familien begaffen einen Friseur bei seiner Arbeit und starren vom Straßenrand aus fasziniert auf einen flimmernden Fernseher.

An unserem ersten Abend in Dequin wollen wir noch einen besonderen Anlass feiern, denn wir sind auf den Tag genau seit acht Jahren zusammen. So richtig romantisch wird es im kalten Lokal allerdings nicht, denn alle paar Minuten kracht ein Tibeter in unser Hinterzimmer, pflanzt sich vor uns auf und starrt uns unvermittelt an. Das dann folgende Ritual wiederholt sich noch ein paar Mal während des Abends: Wir grüßen freundlich, die Tibeter nicken stumm zurück und bleiben wie angewurzelt stehen. Nach zwei, drei Minuten machen sie dann abrupt kehrt und verschwinden wieder. So Leute haben sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehen. Wir auch nicht.

Am nächsten Tag herrscht im Lager außerhalb des Ortes schon früh morgens geschäftiges Treiben. Einige Pilger kochen sich in ihren mitgebrachten russigen Teekesseln noch eine Tasse grünen Tees über dem Lagerfeuer, doch viele sind schon seit Sonnenaufgang unterwegs. Wir wollen ein Stück mitwandern. Am Weg treffen wir ganze Familien, die gemeinsam unterwegs sind, alte Ehepaare, die nur zu zweit sind, aber auch große Gruppen junger Tibeter. Es herrscht eine feierliche, fast ausgelassene Stimmung, und wir werden stets mit einem überschwänglichen "Daschidelee!" begrüßt, was soviel wie "Viel Glück!" bedeutet. Den Grund ihrer Pilgerreise nehmen alle am Weg ernst: Bei heiligen Stellen flattern unzählige bunte Gebetsfahnen, an neuralgischen Punkten werden den Göttern alle möglichen Gewandstücke geopfert - inklusive der neugekauften Sonnenbrillen – gespendetes Geld wird mit Yakbutter auf Felsen geklebt. Am Weg passieren wir kleine Tempel, bei denen Kerzen entzündet und Gebetsmühlen gedreht werden. Jeder muss dabei die Stätte dreimal im Uhrzeigersinn umrunden, bevor die Wanderung fortgesetzt werden darf.

Die Tibeter dürfte unsere Anwesenheit dabei kaum stören. Im Gegenteil, wir sind keineswegs nur Zuschauer, sondern werden fröhlich zum Mitmachen eingeladen. Ein junger Khampa nickt wohlwollend, als wir fragend mit der Kamera winken, ob wir ein Foto von ihm machen dürfen. Er ermahnt uns aber mit einem Lächeln, wir sollten neben dem Fotografieren nicht das Beten vergessen. Ein wenig später entdeckt eine Familie Stefan mit der Kamera in der Hand und beginnt aufgeregt in ihrer Kleidung zu kramen. Stolz holen sie kleine Amulette hervor, die sie um den Hals gehängt haben. Die sollen wir fotografieren, deuten sie, und halten ehrfürchtig das verbotene Antlitz des Dalai Lama vor die Linse.

Am späten Nachmittag erreichen wir bei strahlendem Sonnenschein unser heutiges Etappenziel, ein kleines Gehöft auf einer Hochalm. Der Bauer vermietet ein paar Zimmer, wir machen es uns auf dem Balkon unserer einfachen Unterkunft gemütlich. Während wir uns die Sonne ins Gesicht scheinen lassen, bestaunen wir voller Ehrfurcht den mächtigen Meili Xi Shan, dessen Flanken steil vor uns aufsteigen. Kein Wunder, dass die Tibeter glauben, die unerreichbar scheinenden, in den Himmel gerückten Gipfel der majestätischen Berge sind der Sitz ihrer Götter.

Während des späten Nachmittags versammeln sich immer mehr Pilger unter unserem Balkon um ein Lagerfeuer, und beginnen, gemeinsam zu kochen und zu tratschen. Als das Abendmahl beendet ist, hüllen sie sich in ihre Umhänge aus Yakfellen und heben zu einem Gebetsgesang an, der auch noch andauert, als die Sonne bereits lang hinter den Bergen versunken ist. Wir sind beide in der Nacht über unsere warmen Schlafsäcke dankbar, obwohl wir trotzdem ein wenig in unseren Betten, während wir dem monotonen Singsang der Pilger draußen vor unserem Fenster lauschen. Wie die Tibeter die ganze Nacht unter freiem Himmel aushalten, bleibt uns ein Rätsel.

Vier Tage sind wir auf Wegen rund um den Berg unterwegs. Wir wandern von heiliger Stätte zu heiliger Stätte, kaufen Gebetsfahnen, trinken von heiligen Quellen, würgen den ranzig schmeckenden Buttertee tapfer hinunter, den uns Pilger am Weg wohlwollend anbieten, besuchen Mönche in einem kleinen Kloster, das am Rande eines der gewaltigen Gletscher des Meili Xi Shans am Berghang sitzt. Der Abschied von der fröhlichen Pilgergemeinschaft fällt dann schwer. Der Berg und die ausgelassene, heitere Pilgerschar haben uns schon längst in ihren Bann gezogen.

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