Altes Auto in Val Paraiso, Chile

Taxifahrt in Lima Peru Flagge

Lima, April 2008

"Achtung, das Auto von rechts!" rufen wir beide gleichzeitig. Der Taxler zeigt sich ungerührt und schießt in die Kreuzung. "Der Verkehr hier ist die Hölle", meint er, "da muss jeder schauen, wo er bleibt." Gerade noch rechtzeitig bremst das andere Auto, da winkt unser Fahrer schon mit der Hand zum Fenster hinaus – „nach links, nach links!“ – führt dabei fast einen Fußgänger nieder, hupt und zwängt sich nach der nächsten Kreuzung zwischen einen qualmenden Kleinbus und ein klappriges Toyota-Taxi in die linke Fahrspur.

Nach mehr als einem Monat in Kolumbien und Ecuador sind wir gerade mit einem Nachtbus in Lima angekommen, und der dröhnende Verkehr würde uns wohl auch ohne unbequemer, schlafloser Nacht im Bus wie die Hölle vorkommen. Jetzt am Morgen versinkt die Hauptstadt Perus in einer Blechlawine. Mehr als 7 Millionen Peruaner wohnen in der Metropole und trotzdem hat Lima kein funktionierendes Massenverkehrsmittel. Die Stadtverwaltung hat einfach kein Geld für U-Bahn oder Schnellbahnbau, beziehungsweise versickerten in der Vergangenheit bereitgestellte Mittel allzu oft in den Taschen korrupter Lokalpolitiker, statt ihren Weg zu den Baufirmen zu finden. So verstopfen täglich tausende alte stinkende Taxis die mehrspurigen Hauptverkehrsadern der Stadt.

Vor uns traut sich eine junge Autofahrerin nicht in die nächste chaotische Kreuzung einzufahren. Ampeln gibt es keine und wenn du einmal stehenbleibst, hast du praktisch verloren. Hinter uns werden bereits alle nervös, ein lautes Hupkonzert setzt ein. "He, was ist los!", schreit unser Fahrer und klescht mit der Handfläche auf die Außenseite der Fahrertür. "Passieren hier nicht ständig Unfälle?", können wir in einer kurzen Verschnaufpause einwerfen. Bei den vielen verbeulten Autos hätten wir uns die Frage eigentlich sparen können. "Jeden Tag!" seufzt unser Taxler, "und dann springen alle mitten auf der Straße aus dem Auto, schimpfen und raufen. In Peru regeln wir das gleich an Ort und Stelle. Die korrupte Verkehrspolizei taugt ja sowieso nichts."

Ein Kleinbus vor uns schneidet plötzlich über alle drei Fahrspuren nach rechts an den Straßenrand, denn der Fahrer hat im letzten Moment noch einen potentiellen Fahrgast entdeckt. Haltestellen gibt es keine - wer mitfahren will, winkt einfach kurz mit der Hand. Für uns wirkt es fast wie ein Wunder, dass es nicht gekracht hat, aber die übrigen Autofahrer nehmen es gelassen. Mit so einem halsbrecherischen Manöver muss man in Lima anscheinend jederzeit rechnen.

"Euch stört es nicht, wenn ich schnell noch einen kleinen Umweg fahre?", fragt unser Taxler, "ich muss kurz tanken." Bei der Zapfsäule lässt er sich um 2 Euro ein paar Liter Sprit in den Tank füllen. "Benzin ist in letzter Zeit furchtbar teuer geworden", entschuldigt er sich, "da kann ich nur tanken, wenn ich Kundschaft habe." Die leuchtenden Zahlen am Preisschild der Tankstelle lassen keinen Zweifel aufkommen: 80 Eurocent der Liter. Verglichen mit den restlichen Lebenserhaltungskosten des Landes ein unglaublich hoher Preis. Für die halbstündige Fahrt quer durch die Stadt kann er trotzdem nicht mehr als 3 Euro verlangen, erklärt uns unser Fahrer, zu viel Konkurrenz. "Schau einmal, hier ist doch jedes zweite Auto ein Taxi", deutet er.

Jährlich werden es mehr. "Alle wollen sie nach Lima, es gibt doch nur hier Arbeit", meint unser Taxilenker ein wenig resigniert. Er selbst ist auch vor ein paar Jahren aus Cusco vom Hochland hierher an die Küste gezogen. Damals wäre es noch besser gewesen in der Hauptstadt. Aber jetzt? "Zu viele Neuankömmlinge. Habt ihr die pueblos jóvenes im Norden der Stadt nicht gesehen?" Junge Dörfer - so nennen sie hier die Slumviertel auf den Hügeln rund um die Großstadt. "Da gibt´s weder Wasser noch Strom, und der Müll liegt auf den unasphaltierten Straßen herum." Wir nicken beide bedrückt. Noch zu gut können wir uns an die Ausblicke vom Busfenster erinnern, als wir vor ein paar Stunden im Morgengrauen auf der Stadtautobahn durch die Elendsviertel ins Zentrum gefahren sind. Lima wächst explosionsartig: 1920 hatte die Stadt knappe 180.000 Einwohner, in den 50er Jahren sprang die Einwohnerzahl über die Millionengrenze, jetzt kratzt Lima an der 8 Millionenmarke. Kein Wunder, dass die Stadtregierung nicht einmal mit der grundlegenden Nahversorgung zurechtkommt.

Unser Taxifahrer möchte eigentlich zurück in seine Heimatstadt. "Cusco es tranquilo", schwärmt er, Cusco sei gemütlich zum Leben. Hier in Lima muss er sich jede Nacht Sorgen machen, dass sein Taxi gestohlen wird, aber der Touristenboom in Cusco, dem Einfallstor zur berühmten Inkaruine von Machu Picchu, schafft nicht Arbeitsplätze für jeden. Und mittlerweile hat er sich in der Hauptstadt eine Existenz aufgebaut. "Außerdem gibt es hier in der Hauptstadt die viel besseren Cevicherías", grinst er. In den vielen kleinen Ceviche-Lokalen der Stadt wird überall Perus Nationalspeise serviert: Frischer, roher Fisch mit Zwiebel, in einer scharfen Zitronen-Chilli-Sauce ertränkt. "Wenn ich mein Bier und mein Ceviche bekomm', bin ich vollkommen zufrieden", lacht er über das ganze Gesicht. In einer Cevichería, so scheint es fast, kann ihn weder der hohe Benzinpreis noch die scharfe Konkurrenz aus der Ruhe bringen.

Wir biegen um zwei Häuserblocks und plötzlich ändert sich Limas Stadtbild. Die überfüllten, verstopften Straßen weiten sich zu breiten Boulevards; schäbige, heruntergekommene Häuserzeilen machen gepflegten Bürgerhäusern Platz. Wir sind in Miraflores angekommen, dem Viertel der Reichen und Schönen. Der Unterschied zur restlichen Stadt ist augenscheinlich: Bäume säumen den Straßenrand, eine Markenboutique reiht sich an die nächste. Selbst der Verkehr scheint hier weniger chaotisch. Unser Taxifahrer lässt uns beim Larcomar Shoppingcenter aussteigen. Der moderne Komplex samt Designergeschäften, Cafés und Bars ist in die Steilklippen am Rand des Pazifiks gebaut und wurde gerade erst eröffnet. Wir sind auf der Suche nach Wintergewand: Da in den Bergen Perus und Boliviens noch Regenzeit ist, wollen wir von Lima aus gleich weiter nach Patagonien ganz in den Süden des Kontinents, wo zu dieser Jahreszeit gerade Spätherbst ist. Hier im Shoppingcenter werden wir fündig. Von der teuren Mammut Überhose bis zum Imprägnierspray für die Goretexschuhe ist zu westlicher Kaufhausmusik alles zu haben. Zu europäischen Preisen, versteht sich. Peruanische Geschäftsleute und amerikanische Touristen tummeln sich in den klimatisierten Geschäften, flanieren auf den bemüht adrett gestalteten Innenhöfen des Komplexes, schlecken frisch gemachtes, italienisches Konditoreis und bewundern die Goldstücke in den Auslagen der Juweliere.

Wir machen es uns auf einer Freiluftterrasse des Shoppingcenters mit Blick auf die Wellen des Pazifiks bequem, wo uns eine junge Kellnerin Cappuccino mit geschäumter Milch serviert. Nach der anstrengenden Busfahrt von gestern Nacht schmeckt der Kaffee besonders gut, und doch plagt uns wegen der hier zum Himmel schreienden ungerechten Verteilung des Reichtums zwischen Arm und Reich ein wenig das schlechte Gewissen: Um den Preis der zwei Cappuccinos könnte unser Taxifahrer einige Liter Benzin tanken.

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