Zug entlang des Panama Kanals, Panama

In einer Stunde vom Pazifik zur Karibik Panama Flagge

Panama City, Februar 2008

Am Faschingsdienstag gleicht Panama City einer Geisterstadt. Die Geschäfte haben die Eisenrollläden heruntergelassen, einzig ein schäbiger McDonald´s hat in der Früh in den Häuserschluchten aufgesperrt. Viele nutzen die Faschingsfeiertage für einen Kurzurlaub und entfliehen der Stadt und der Hitze, um das lange Wochenende auf einem der zahlreichen naheliegenden Strände zu verbringen. Als wir während des Tages durch die schwüle, heiße Stadt wandern, sind die sonst vom Verkehr geplagten Straßen wie leer gefegt. Die Stadt wirkt wie ausgestorben, wir treffen kaum eine Menschenseele – bis wir um eine Straßenecke auf die Via Transistmica biegen: Hier feiern die in der Stadt Zurückgebliebenen Carneval und am Gelände ist bereits am frühen Nachmittag die Hölle los. Halb Panama City scheint unterwegs zu sein, das Bier fließt in Strömen, Schönheitsköniginnen schweben zu lauter Salsa Musik auf ihren aufwändig geschmückten Fahrzeugen vorbei, Kinder liefern sich mit Spritzpistolen und Konfetti Wasserschlachten. Wir kaufen uns gleich Bier und ein großes Sackerl voller bunter Papierfetzerl und kämpfen an erster Front mit.

Tags darauf müssen wir jedoch früh aufstehen, denn wir wollen mit der Eisenbahn den berühmten Panamakanal entlang fahren. Die ersten Sonnenstrahlen legen sich gerade auf die Hochhäuser der Stadt, als uns unser Taxi vom Hotel abholt, um uns in einen Vorort zum Bahnhof zu bringen. Während unserer kurzen Taxifahrt zählen wir nicht weniger als 15 Kräne, die emsig neue Wolkenkratzer und klimatisierte Einkaufstempel in die Höhe wachsen lassen. Panama City ist gerade dabei, sich ein neues Gesicht zu geben, und an der Meerespromenade der Stadt reiht sich ein neuer glitzernder Hochhausturm neben den anderen.

Im modernen, aufgeräumten Bahnhof warten bereits zahlreiche Touristen auf die Abfahrt des einzigen Personenzugs, der planmäßig um 7 Uhr morgens abfährt. Die Zugstrecke wird vor allem für gut zahlende ausländische Gäste betrieben, und dementsprechend luxuriös ist das Service. Im klimatisierten Touristenwaggon wird sogar gratis Kaffee ausgeschenkt, der uns nach der Karnevalfeier von gestern beim Aufwachen hilft. Lange hält es uns allerdings nicht auf den bequemen Sitzen, wir stellen uns lieber auf die offene Plattform zwischen zwei Waggons, denn von hier hat man eindeutig eine schönere Aussicht.

Die Zugtrasse führt die meiste Zeit neben dem 80km langen Schiffskanal her, für den Schiffe 24 Stunden einplanen müssen. Nach zehn minütiger Fahrt passiert unser Zug die erste Schleusenanlage, wo Ozeanfrachter bei den Miraflores Locks auf eine Höhe von 16m über dem Meeresspiegel des Pazifiks gehoben werden. Vom Zug aus können wir heute nur einen kurzen Blick von der Ferne auf die mächtige Sperre erhaschen, doch wir waren bereits vor ein paar Tagen im modernen Besucherzentrum am Schleusengelände und haben aus der Nähe beobachten können, wie die riesigen Containerschiffe von kleinen Lokomotiven durch die Anlage gezogen werden. Am Vormittag herrschte richtiges Gedränge auf der Wasserstraße, es staute regelrecht in der Bucht vor Panama City, in der zahlreiche Frachtschiffe auf Einlass in den Kanal warteten. Die Kanalverwaltung hat dementsprechend bereits große Ausbaupläne in der Schublade, die im Besucherzentrum eindrucksvoll präsentiert werden: Neue Schleusen sollen bald noch mehr und noch größere Schiffe über die Landbrücke heben.

Die Panamesen unterstützen die Erweiterungspläne nahezu vorbehaltlos, haben sie doch eine besondere Beziehung zu ihrem Kanal, denn der Bau des Panamakanals zu Beginn des 20. Jahrhunderts ermöglichte überhaupt erst die Unabhängigkeit des Landes: Nach einem gescheiterten Versuch der Franzosen, zwischen 1881 und 1889 einen Kanal zwischen Atlantik und Pazifik zu graben, vergaben damalige Lokalpolitiker die Konzession für Bau und Betrieb des Kanals an die USA, die darüber hinaus Kriegsschiffe und Truppenunterstützung für die Unabhängigkeitsbestrebungen der Region gegenüber Kolumbiens zusicherten. Der Preis, den Panama für die Unterstützung der USA zahlte, war allerdings hoch: Bis zum Jahr 2000 galt die gesamte Kanalzone als US Territorium. Erst seit dem enthusiastisch gefeierten Abzug der amerikanischen Truppen zur Jahrtausendwende verwaltet Panama den Schiffskanal selbst, und erst seitdem fließen die Einnahmen der Kanalgebühren nicht mehr nach Washington, sondern direkt in die Kassen der lokalen Regierung.

Schon bald nachdem wir die Schleusen passiert haben, beginnt sich der Zug durch dichten Regenwald zu schlängeln. Der Panamakanal ist an dieser Stelle so eng, dass die riesigen Schiffe mit einer Einbahnregelung durchgelotst werden müssen. Vom Zug sieht es fast so aus, als wären die Frachter irrtümlich im Wald gestrandet und versuchten nun hartnäckig, sich durch den Dschungel zu pflügen.

Bei der Hälfte der Strecke verbreitert sich die Wasserstraße dann allerdings allmählich zum Lago de Gatún, einem der größten, künstlich geschaffenen Seen der Welt. Heute ist er ein Naturschutzgebiet und gilt als tropisches Paradies für Vögel, Schlangen und Tapire. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es auf so engem Raum einen derartigen Reichtum an Vogelarten, wie hier in den Wäldern rund um den Stausee. Immer wieder haben wir vom Zug aus atemberaubende Blicke auf Lagunen, Wald und Ozeanfrachter. Der Regenwald spiegelt sich in der Morgensonne auf der stillen Wasseroberfläche, als der Zug auf seinen letzten Kilometern auf einem künstlichen Damm entlang fährt und sich seinem Ziel an der Karibikküste nähert. Am Ende der Zugstrecke liegt die Hafenstadt Colón, wo auch der Kanal auf Atlantikseite endet und die Schiffe in den Gatún Schleusen wieder zurück auf Meeresniveau gesenkt werden.

Nach gut einer Stunde Fahrt fährt unser Zug kurz nach 8 Uhr im verschlafenen Bahnhof der Karibikstadt ein. Als die Eisenbahn im Jahr 1855 eröffnet wurde, war hier mehr los. Große Passagierdampfer kamen damals täglich von der Ostküste der USA und spuckten tausende Abenteurer an Land, die in Colón in den Zug stiegen, um in der entgegengesetzten Richtung zum Pazifik zu gelangen. Das Gold Kaliforniens lockte und die Schiffsreise über Panama war um einiges bequemer und sicherer, als die USA am Landweg zu durchqueren. Die Hafenstadt Colón boomte über Nacht.

Der Bau des Kanals lockte weitere zehntausende Arbeiter aus Europa und den westindischen Inseln in die Stadt. Doch als der Panamakanal 1914 fertiggestellt wurde und der amerikanische Kontinent erfolgreich entzwei geschnitten war, war mit einem Schlag ein Heer von Immigranten ohne Arbeit. Gerade wurde noch das erste Schiff gefeiert, das den Kanal erfolgreich befuhr, da versank die Hafenstadt Colón bereits in Armut und Kriminalität. Die Stadt hat sich davon nicht mehr erholt, sie gilt noch immer als gefährliches Pflaster. Über 40% der überwiegend schwarzen Bevölkerung ist heute arbeitslos, wohl einige sind auch mit illegalem Drogenhandel mit dem nahe gelegenen Kolumbien beschäftigt.

Kaum hält unser Zug am Bahnhof, verschwinden die meisten Touristen in ihren klimatisierten Tourbussen, die schon auf unsere Ankunft gewartet haben. Wir haben allerdings keine Tour gebucht und so sehen wir uns um, wie wir vom Bahnhof zum Busbahnhof in die Stadt kommen, denn auch wir wollen eigentlich gleich zurück nach Panama City. Zu Fuß gehen sei in Colón wegen der zahlreichen Raubüberfälle viel zu gefährlich, wurden wir mehrmals gewarnt, und so klettern wir vorsichtshalber in ein Taxi, der Fahrer will immerhin nur einen Dollar für die Strecke. Erst als wir losfahren bemerken wir, dass der Busterminal keine hundert Meter entfernt ist - in Sichtweite des Bahnhofs. Wir machen uns lustig über unsere übertriebene Vorsicht, doch der Taxler baut gleich am Ruf seiner Stadt: "Very dangerous. Thieves everywhere", meint er mit erhobenem Zeigefinger. Wir widersprechen nicht, doch wahrscheinlich ist eine Stadt mit gefährlichem Ruf wohl auch gut für sein Geschäft.

Zurück in der Hauptstadt genießen wir die Vorteile der Großstadt, während wir die Weiterreise nach Südamerika vorbereiten. Von Panama führt kein Landweg nach Kolumbien, für die Fertigstellung der Panamericana fehlen 150km Straße durch den undurchdringlichen Dschungel des Dariéns. Wir wollen jedoch nicht fliegen und haben uns daher eine Überfahrt in einem 105 Jahre alten Segelschiff organisiert. In insgesamt fünf Tagen werden wir die südliche Karibik durchqueren, um im alten Kolonialhafen von Cartagena in Kolumbien wieder an Land zu gehen.

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