Österreichische Nationalbibliothek, Österreich

Zwischenstopp Österreich Flagge

Wien, Mai 2004

Wir sind beide ziemlich aufgekratzt. Christa hält es schon nicht mehr am Sitz und turnt die ganze Zeit aufgeregt im Abteil herum. Langsam legt sich der Zug in die Kurve, vor unserem Fenster ziehen die adrett gepflegten Häuser der Wiener Vorstadtsiedlungen vorbei. Die Frühlingssonne streichelt die frisch ausgetriebenen Blätter der Bäume in den Vorgärten. Unglaublich, wie grün uns Europa nach den staubigen Wüsten Zentralasiens und des Iran vorkommt. Hietzing. Penzing. Krachen im Wagonlautsprecher: „Sehr geehrte Damen und Herren. In Kürze erreichen wir Wien Westbahnhof. Zugendbahnhof.“ Vor nicht einmal einer Stunde haben wir aus Ungarn kommend unsere letzte Grenze überquert, und nun trennen uns nur noch wenige Minuten vom Ziel unserer Reise.

Völlig überraschend für uns warten in Wien am Bahnsteig schon zwei Freunde auf uns. Michi und Eva wussten zwar, dass wir heute ankommen würden, hatten aber keine Ahnung wann wir genau eintreffen werden. Die beiden haben daher schon seit ein paar Stunden jeden Zug aus dem Osten abgepasst. Jetzt stürmen sie auf uns zu, Sektkorken knallen. Wir nehmen uns alledings nur kurz Zeit mit ihnen am Bahnsteig zu feiern, denn zu Hause in Amstetten warten schon unsere beiden Familien. Wir haben sie seit fast zwei Jahren nicht gesehen und die Vorfreude auf ein Wiedersehen macht uns ungeduldig.

Als wir kurze Zeit später in unserem Heimatort ankommen, werden wir von einem regelrechten Begrüßungskomitee in Empfang genommen. Unsere Geschwister haben sogar Transparente und Plakate gemalt, Freudentränen fließen, noch mehr Sektflaschen werden geöffnet. Wir freuen uns riesig, wieder daheim zu sein und alle wohlauf zu finden.

In den nächsten Tagen und Wochen werden Geschichten mit Familie und Freunden ausgetauscht. Es gibt viel zu erzählen, und doch können wir die vielen Eindrücke und vor allem das neu gewonnene Lebensgefühl während der Reise nur schwer vermitteln. Ein wenig wehmütig notieren wir die Ereignisse der letzten Reisetage und schließen unser Tagebuch ab. Für uns geht ein kleiner, aber spannender Lebensabschnitt zu Ende. Während der letzten zwei Jahre, als wir zuerst in Australien gelebt und gearbeitet haben, und noch mehr, als wir dann in Asien unterwegs waren, befanden wir uns ständig in einer Art Ausnahmezustand. Mit jedem Morgen stürmte eine Flut an unverbrauchten Eindrücken und neuen Erlebnissen auf uns ein, und so brannte sich jeder Tag unvergesslich in unser Gedächtnis.

Sicherlich wurde auch unterwegs das Reisen langsam zum Alltag. Vor allem gegen Ende hin merkten wir, dass wir unsere Neugier ein Stück weit verloren hatten: Während wir in China am Sonntagsmarkt von Kashgar noch begeistert die zu Türmen gestapelten Schafsschädeln fotografierten, schenkten wir Monate später den frisch geschlachteten, Blut triefenden Tieren am Markt der nordiranischen Stadt Tabriz kaum noch Beachtung. Aber auch wenn wir ein wenig abstumpften, erlebten wir dennoch jeden uns geschenkten Reisetag bewusst neu, feierten täglich die kleinen Abenteuer und unseren gelebten Freiheitsdrang.

Daheim in Österreich holen uns Routine und tägliche Verpflichtungen schneller ein, als uns lieb ist. Schon kurz nach der Rückkehr kaufen wir uns beide wieder einen Terminkalender. Wochenende sind wie eh und je schnell verplant, und innerhalb kürzester Zeit kommt uns die auf der Reise neu gewonnene Freiheit wieder abhanden. Lange Zeit mussten wir unterwegs nur auf uns beide Rücksicht nehmen, und außer der Sorge um den nächsten Schlafplatz und um das nächste Essen konnten wir stets tun und lassen, wozu wir gerade Lust hatten. Doch mit der Ankunft in Österreich müssen wir wieder lernen, uns einem geregelten Alltag zu unterwerfen.

Nach der langen, selbstbestimmten Zeit ist vor allem der tägliche Weg in die Arbeit zu Beginn für uns beide hart. Auch wenn uns unsere Jobs gefallen, ja nach und nach sogar wieder richtig Spaß machen, so müssen wir doch anfangs hilflos mit ansehen, wie eine Woche nach der anderen spurlos und für uns unwiederbringlich in einem grauen Erinnerungsnebel verschwindet. Tage zerrinnen zu Wochen, Wochen verschwimmen zu Monaten. „Es sind diese endlosen Stunden im Büro“, schrieb Albert Camus einmal, „die den Tag so lang und das Leben so kurz machen.“ Vor allem Stefan muss zu Beginn oft an diesen Satz denken. Es dauert, bis wir uns in Wien und in unserem neuen alten Leben wieder zu Hause fühlen.

Drei Jahre später, Anfang Juli 2007. Draußen hat es eine Affenhitze und während wir eigentlich lieber an irgendeinem Badesee liegen würden, schwitzen wir in unserer Wohnung und packen unsere letzten Sachen in Bananenschachteln. Wir brechen wieder auf! Unseren Hausrat müssen wir allerdings nach Amstetten in Stefans Elternhaus schaffen, denn für die nächste Reise werden wir unsere Mietwohnung im sechsten Wiener Gemeindebezirk wieder aufgeben. Und so schleppen wir nun unsere Kästen zum ausgeliehenen Möbeltransporter auf die Straße hinunter, während der Nachrichtensprecher im Radio gerade mit 38,5 Grad die höchste je in Wien gemessene Temperatur verkündet. Zwischen den engen Häuserzeilen steht die aufgeheizte Luft förmlich, kein Wind rührt sich.

Wien ist uns in den letzten drei Jahren langsam wieder ganz schön ans Herz gewachsen. Es ist auch einiges passiert: Wir haben geheiratet, haben unsere eigenen vier Wände wieder schätzen gelernt, sind oft und gerne mit alten und neuen Freunden bei einem Bier in einem der zahlreichen Gastgärten gesessen und haben die hohe Lebensqualität der Stadt wohl noch bewusster erlebt als früher. Während wir an diesem heißen, stickigen Sommertag unsere Mietwohnung leer räumen, kommt fast ein wenig Abschiedsschmerz auf, doch unsere Zeit in Österreich war schon seit Längerem mit einem Ablaufdatum versehen: Noch auf der letzten Reise sind wir an einem heißen Märznachmittag an der Mole der iranischen Hafenstadt Bandar-e Abbas gesessen. Wir hatten nur mehr ein paar Wochen bis zu unserer geplanten Rückkehr und sinnierten gerade über die Zeit danach, während wir die Schiffe beobachteten, die hier im Hafen vor Anker lagen. „Fahren wir doch einfach mit einer Fähre in den Oman und legen noch eine Extrarunde in Afrika ein, bevor wir nach Hause fahren“, lachte Christa damals plötzlich halb im Scherz. Obwohl wir beide zu diesem Zeitpunkt genau wussten, dass es an der Zeit war nach Hause zu kommen, sprach sie dabei doch aus, was wir uns beide in diesem Augenblick dachten. Wir wollten die gemeinsame Zeit unterwegs wenn irgendwie möglich noch verlängern, wollten auf keinen Fall bereits sesshaft werden. Und so schlossen wir schon damals an der Mole von Bandar-e Abbas einen Pakt: Ein Zeitrahmen von drei Jahren schien überschaubar, dann wollten wir wieder losziehen. Drei Jahre lang würden wir in Wien arbeiten und ein wenig Geld sparen, um dann noch einmal ins Reiseabenteuer aufzubrechen.

Als wir jetzt am frühen Nachmittag dieses heißen Julitages schweißgebadet unser Hab und Gut im Laderaum des Kleinlasters verstauen, müssen wir oft an diesen Nachmittag vor drei Jahren zurückdenken, und dann lacht uns trotz der schweißtreibenden Arbeit die Vorfreude auf die nächste gemeinsame Reisezeit aus dem Gesicht. Am späten Abend räumen wir vollkommen erschöpft die letzten Bananenschachteln in den LKW und schauen noch einmal kurz zur Wohnung hinauf, um uns von ihr zu verabschieden. Der sentimentale Moment dauert jedoch nur kurz, dann klettern wir auf die vorderen Sitze des Möbellasters, Stefan startet den Motor und wir brechen auf in die laue Sommernacht.

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