Fahne am Zocalo in México D.F., Mexiko

México, Distrito Federal Mexiko Flagge

Mexico City, November 2007

Mit etwas gemischten Gefühlen steigen wir in den Bus, der uns in ein paar Stunden in die Hauptstadt Mexico City bringen wird. In den drei Wochen, die wir bereits im Land sind, hat uns Mexiko überrascht: Das Land ist viel moderner und besser organisiert als wir gedacht hätten. Aber obwohl bisher alles problemlos geklappt hat und wir keinerlei Probleme hatten, nagt jetzt wieder diese Unsicherheit im Hinterkopf, die uns wohl noch in vielen lateinamerikanischen Städten begleiten wird: So viel haben wir schon über die Probleme, die Verbrechen und den Schmutz in den großen Städten des Kontinents gelesen und gehört, dass wir nun der ersten Hauptstadt unserer Reise in Lateinamerika ein wenig skeptisch entgegen fiebern. Allein in Mexico City leben immerhin 20 Millionen Menschen, fast dreimal soviel wie in ganz Österreich.

Im ultra modernen Autobus nähern wir uns der Metropole vom Norden her auf einer drei spurigen Autobahn. Der Verkehr ist enorm, auf allen Spuren schieben sich die Autos in den weiten Talkessel hinein, in dem Mexico City liegt. Die Stadt ist auf allen Seiten von Hügelketten eingeklemmt, auf die das endlose Häusermeer empor wogt. Über dem Tal hängt eine riesige Smogglocke, und je weiter wir in den Moloch eintauchen, umso mehr wird der blaue Himmel von grauem Dunst verschluckt.

Die Gegend im Norden entlang der Einfallsstraße zählt nicht zu den reichen der Stadt, aber wir sind erstaunt, wie aufgeräumt die Häuser vom Busfenster aus wirken. Als wir am Busbahnhof aussteigen, erwarten wir ein Chaos wie in Bangkok oder Teheran, doch hier ist alles perfekt organisiert. Das Terminal ist modern wie ein Flughafen, alles ist blitzblank geputzt. Von der Ankunftshalle führen Rolltreppen direkt hinunter in die U-Bahn, die uns schnell und bequem ins Zentrum bringt. Einfacher kann man sich die Ankunft in einer Großstadt nicht wünschen.

Gleich in der U-Bahn schlägt uns Mexico Citys buntes, pulsierendes Leben entgegen. Im Wagon versuchen fliegende Händler ihr Glück und preisen vom Deodorant über Kaugummi bis zur CD mit selbst zusammengestellten Hits so ziemlich alles lautstark an. Viele der jungen Verkäufer haben kleine Rucksäcke mit eingebauten Lautsprechern umgeschnallt, aus denen Shakira und mexikanische Volksmusik mit Ziehharmonika und Tuba aus unterschiedlichen Richtungen um die Wette plärren.

Eine paar Stationen vor dem Zentrum steigt ein Mann mit nacktem Oberkörper in unseren Wagon zu. Er hat einen großen Jutesack geschultert und beginnt lautstark – mit uns unverständlichem Geschrei – Aufmerksamkeit zu erregen. Entsetzt sehen wir zu, wie er am Boden seinen Sack ausbreitet, in dem sich ein Haufen Glasscherben befindet. Plötzlich macht er einen Kopfstand und lässt sich mit seinem nackten Rücken auf die Scherben klatschen, dass ihm das eigene Blut hinunter rinnt. Mit der Show möchte er ein wenig Geld verdienen, doch auch die jungen Mädchen, die neben uns sitzen, scheinen nicht so begeistert.

Im Zentrum finden wir rasch ein nettes Hotel in der unmittelbaren Nähe des Zócalos, des Hauptplatzes der Stadt. Mexico Citys größter Platz ist von riesigen kolonialen Regierungsgebäuden und einer beeindruckenden Kathedrale umgeben, in die wir gleich einmal einen kurzen Blick werfen. Wie überall in Mexiko ist die Kirche auch hier bis zum Bersten gefüllt. Während wir eine kleine Runde drehen, lesen nicht weniger als drei Priester in verschiedenen Seitenkapellen gerade eine Messe, vor den Beichtstühlen haben sich lange Schlangen gebildet.

Gleich vor der Kirche bieten Indios mit Federkopfschmuck und traditionellem Gewand zeremonielle Reinigungen an. Auch hier stehen die Leute Schlange, und während Christa sich in die Wartenden einreiht, beobachten wir gespannt das Ritual der Schamanen. Eine junge, modern gekleidete Frau ist gerade an der Reihe und die Zeremonie, die der Indio an ihr vollführt, erscheint uns fast wie eine Mischung aus alten indianischen Bräuchen mit katholischen Insignien: Die junge Frau lässt es geduldig über sich ergehen, während ihr Weihrauch ins Gesicht geblasen wird, der Schamane sie mit Wasser bespritzt und ihr mit Kräutern über das Gewand streicht. Ständig bekreuzigt er sich dabei und murmelt Gebete zur Reinigung von Geist und Körper.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes formiert sich ein wenig später eine kleine Demonstration. Dutzende Bauern aus dem Süden des Landes wollen auf ihre prekäre Lage aufmerksam machen und entrollen Plakate. Immer noch ist in vielen Gebieten Mexikos Grund und Boden ungerecht verteilt. Wenige Großgrundbesitzer kontrollieren das Land, während viele mittellose Bauern vergeblich gegen Korruption und Missbrauch kämpfen. Wir staunen nicht schlecht, als sich die Demonstranten plötzlich ihrer Kleider entledigen und zu lautem Trommelgewirbel nackt ihre Forderungen skandieren. Die Männer haben ein Bild des korrupten Gouverneurs ihrer Region als Lendenschurz umgeschnallt und beginnen zu Trommelschlägen wild zu tanzen. Das letzte Hemd – so wohl die Botschaft ihrer Aktion – hat ihnen die Regierung schon längst ausgezogen.

Ein wenig förmlicher geht es ein paar Stunden später am späten Nachmittag in der Mitte des großen Platzes zu. Hier weht eine riesige mexikanische Fahne, die zu Sonnenuntergang mit großem Pomp eingeholt werden soll. Soldaten marschieren in Zweierreihe auf, eine Blasmusikkapelle spielt die Nationalhymne, und alle Zuschauer halten ehrergriffen ihre Hand zur Brust. Dummerweise klemmt aber diesmal der Seilzug der Fahnenstange, an der die Fahne aufgezogen ist. Nach fünf Minuten hängen schon drei Soldaten verzweifelt am Seil, während alle anderen noch ehrerbietig mit starrem Blick nach vorne schauen, als sei nichts passiert. Der Kommandant ist sichtlich verärgert, doch die Fahne hat heute kein Erbarmen. Bald muss auch er sich die aussichtslose Lage eingestehen, und der ganze Trupp marschiert unverrichteter Dinge wieder ab: Mexicos Tricolore wird diesmal wohl auch in der Nacht über dem Zócalo wehen.

Mittlerweile ist es finster geworden. Wir machen uns auf zum etwas nördlich vom Zócalo gelegenen Plaza Garibaldi. Um neun Uhr abends ist hier schon einiges los, dutzende Mariachi Bands spielen mit Geige, Gitarre und Trompete für ein paar Pesos Wunschkonzert: Für die Oma, die gerade Geburtstag hat; für eine feiernde, betrunkene Männergruppe; für eine mexikanische Großfamilie; für die deutsche Tourgruppe. Wir kaufen bei einem Straßenstand am Rand des Platzes zwei große Margaritas im Pappbecher und tauchen ins Gewusel ein. In der Mitte des Platzes entdeckt uns ein älterer Herr, der sich ebenfalls gerade ein Lied von einer der Bands gewünscht hat. Überschwänglich bittet er Stefan, er möge doch diesen Tanz mit seiner Frau gestatten, und schon wirbelt er Christa unter den aufmunternden Zurufen der Menge umher.

Schon nach diesem ersten Tag schließen wir Freundschaft mit dieser mit Leben überquellenden Stadt. In den nächsten Tagen besuchen wir die erstklassigen Museen Mexico Citys, schlendern über bunte Plätze und Märkte, staunen über die Menschenmassen und vielspurigen Stadtautobahnen, genießen das moderne Stadtleben mit seinen Restaurants und Cafés, und nehmen uns auch mal im nächsten klimatisierte Einkaufszentrum Auszeit vom Smog, um unseren gereizten Lungen eine Ruhepause zu gönnen. Nach ein paar Tagen in der Stadt sind wir uns einig, dass Mexiko City wohl sicher nicht die schönste Hauptstadt der Welt ist, einer der Lebendigsten und Interessantesten ist sie allemal.

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