Abendstimmung in der Laguna de la Plaza, Kolumbien

In der Sierra Nevada de Cocuy Kolumbien Flagge

Tunja, März 2008

Uns zieht es in die Berge. Nach Mittelamerikas Palmen, goldenen Sandstränden und glasklarem Wasser lockt in Kolumbien der Parque Nacional Natural El Cocuy mit seinen Gletscherseen und weißen Gipfeln. Innerhalb weniger Tagen klettern wir von Meereshöhe die nördliche Andenkette auf über 5000m hinauf. Anfangs bekommen wir zwar nur schwer Atem und der Kopf dröhnt von der dünnen Luft, aber schon die Anfahrt zum Nationalpark entschädigt für Vieles: Spektakulär klebt die kurvige Straße an den grünen Steilhängen, rechts neben dem Bus geht es einige hundert Meter fast senkrecht die Schlucht hinunter.

Immer wieder wird unser Autobus bei Militärposten angehalten, denn Kolumbien befindet sich seit über 40 Jahren im Bürgerkrieg, und die Armee zeigt Präsenz wo sie nur kann. Seit einigen Jahren geht die kolumbianische Regierung mit Unterstützung der USA massiv gegen die Guerillakämpfer im Land vor und drängt sie in immer entlegenere Regionen. Auch die Andenregion im Grenzgebiet zu Venezuela wurde lange von Drogen schmuggelnden Banden im Würgegriff gehalten, doch die Berge um Cocuy gelten seit drei Jahren als sicher.

Ein schwer bewaffneter, gerade einmal 18 jähriger Soldat bittet bei der Straßensperre höflich alle Männer aus dem Bus. Frauen und Kinder dürfen wie immer sitzen bleiben, doch Stefan muss sich gemeinsam mit den anderen Männern mit den Händen über dem Kopf und dem Gesicht zum Bus in die Reihe stellen. Ausweise werden überprüft, ein zweiter Soldat tastet alle Männer auf Waffen und Drogen ab, und nach ein paar Minuten dürfen alle wieder einsteigen. Der junge Soldat entschuldigt sich für die Unannehmlichkeiten, drückt uns einen Infofolder über die Arbeit des Militärs in die Hand und wünscht eine gute Weiterreise. Die übrigen Busreisenden lassen die Prozedur gelassen über sich ergehen: Reisealltag in Kolumbien.

Nach zweitägiger Busfahrt übernachten wir auf 3000m Höhe im kleinen Bergdorf Cocuy, dem letzten Ort vor dem unwegsamen Gelände des Nationalparks. Von hier sind es nochmals 20km bzw. 1000 Höhenmeter hinauf zum Naturschutzgebiet, und so warten wir am nächsten Morgen schon im ersten Morgengrauen am Dorfplatz auf den Lechero, denn der zum Milchwagen umfunktionierte Lieferwagen ist der einzige Transport hinauf auf die Hochalmen. Uns ist das erste Mal seit langem richtig kalt, als wir so früh morgens in der kühlen Bergluft hinten auf die offene Ladefläche des Lecheros klettern und über eine kleine Straße aus dem Dorf hinaus rumpeln.

Langsam schraubt sich der geländegängige Wagen die Schotterpiste immer höher hinauf. Bei jeder Kurve warten Bauern, eingehüllt in ihre Ponchos, um ihre Milch abzuliefern. "¡Buenas días! ¿Cómo están?" grüßen sie freundlich auf die Ladefläche herauf und reichen ihre Milchbehälter: Reservekanister, kleine Milchkannen, alte Flaschen, Kübel. Die Bauern füllen ihre Milch in den abenteuerlichsten Gefäßen ab, sogar alte Motorölkanister sind einmal dabei.

Ein Gehilfe auf der Ladefläche nimmt die Behälter entgegen und leert die noch dampfende Milch in einen großen Plastikcontainer. Währenddessen wird der neueste Tratsch ausgetauscht, und der Fahrer verkauft Eintrittskarten für das Dorffest am kommenden Wochenende, während er nebenbei die abgelieferte Milchmenge in ein kleines Heftchen einträgt: 6 Liter, 17 Liter, 12 Liter. Mehr geben die paar Kühe der Bauern nicht her. Ab und zu steuert ein reicherer Bauer über 30 Liter bei. Eine trotzdem unglaublich kleine Menge, wenn man bedenkt, dass eine hochgezüchtete Kuh daheim in Österreich bis zu 50 Liter pro Tag gibt.

Die steilen Felswände des höchsten Berges des Nationalparks, des 5200m hohen Pan de Azucars, leuchten in der Morgensonne, als unser Milchwagen plötzlich mitten im Nirgendwo vor einem kleinen, aus Stein gebauten Lebensmittelgeschäft anhält. Frühstückspause. Vor dem Haus parken bereits jetzt früh am Morgen die Pferde der Kunden, und die Besitzerin winkt uns gleich in die warme, dunkle Küche. Die junge Frau stellt uns Eierspeis und heiß dampfenden Kakao auf den Tisch, und wir langen freudig zu, während am Küchentisch politisiert wird. Die aktuelle Krise mit Ecuador beunruhigt alle, denn kolumbianische Truppen haben jenseits der Grenze ein Lager der Guerilla angegriffen. "Es wird Krieg mit Ecuador geben", meint einer voll Sorge. "Warum könnt ihr in Europa Kokain nicht einfach legalisieren? Wir haben hier mit den Drogenhändlern ja doch nur die Scherereien", fragt uns ein anderer. Der illegale Handel mit Kokain und Marihuana, so erklären uns die Männer am Frühstückstisch, spült riesige Geldmengen in die Kriegskassen der Guerillas, die schon lange nicht mehr für soziale Ideale kämpfen, sondern sich nur mehr mit illegaler Kokainproduktion bereichern und die lokale Bevölkerung terrorisieren. Wir würden gerne noch mit den Männern weiter diskutieren, doch kaum haben wir fertig gefrühstückt, drängt unser Fahrer wieder zum Aufbruch.

Immer wieder fahren ein paar Bauern eine kurze Strecke mit uns mit. Eier, Erdäpfelsäcke und frisch geschlachtete Schafe werden ständig auf- und abgeladen. "Bring mir morgen 5 Liter Benzin mit", ruft bei einem Zwischenstopp ein am Wegrand stehendes, geschäftiges junges Mädchen und streckt dem Gehilfen auf der Ladefläche ein paar Geldscheine entgegen. Der Milchwagen ist gleichzeitig einziger Versorgungstransport.

Nach ein paar Stunden haben wir einige hundert Liter Milch gesammelt, am Weg zurück ins Tal werden es noch mehr werden. Wir aber steigen beim höchsten Gehöft aus, wo uns an der Eingangstür des kleinen Bergbauernhofes Juan Carlos begrüßt. Die Morgenluft ist hier heroben noch schneidend kalt und wir sind froh, dass wir uns gleich einmal in der geheizten Küche aufwärmen dürfen. "¿Quieren un tinto?", fragt Juan Carlos und gießt uns gleich eine Tasse heißen schwarzen Kaffees ein, der am offenen Herd vor sich hin brodelt. Er ist einer der wenigen Jungen, die in den Bergen geblieben sind, erzählt er uns. Das Leben hier sei hart und Jobs finde man nur in der Hauptstadt Bogotá, aber Juan Carlos will bleiben und hat eine Berghütte mit ein paar Zimmern gebaut. Noch ist wenig los, doch er hofft auf Touristen.

Wir würden ihm wünschen, dass die Sicherheitslage hier einigermaßen stabil bleibt, denn die spektakuläre Landschaft des Nationalparks hat einiges für abenteuerlustige Bergwanderer zu bieten. "Die Wanderwege im Park sind gut ausgeschildert", meint Juan Carlos, während wir gemeinsam über eine kleine Karte der Parkverwaltung gebeugt eine Route zusammenstellen, "Kein Problem. Ihr findet Euch sicher zurecht."

Wir wollen von seiner Hütte aus eine mehrtägige Wanderung in den Nationalpark starten. Eigentlich sind wir ganz gut ausgerüstet: Wir haben im Dorf noch bei einem kleinen Laden Proviant eingekauft, und mit unserem Zelt und unseren warmen Schlafsäcken sollten wir gut auf die kalten Bergnächte vorbereitet sein. Allerdings haben wir keinen Kocher mit dabei. Im Dorf hat man uns versichert, wir könnten uns bei Juan Carlos einen kleinen Gaskocher für unseren geplanten Treck in die Berge ausborgen, doch der schüttelt nun nur den Kopf, als wir ihn darauf ansprechen. Einen Kocher hätte er er schon, erklärt er, aber zur Zeit wären alle Gaskartuschen leer. Wir sind ein wenig enttäuscht, denn ohne eigener Kochmöglichkeit können wir unsere Wanderung in den einsamen Nationalpark wohl vergessen.

"Tranquilo, kein Problem", versucht uns Juan Carlos jedoch gleich zu beruhigen, Gas könne er uns schon besorgen. Er wird seinen Freund in der Hauptstadt anrufen, der kann ja in ein Geschäft laufen, Kartuschen besorgen und dem Busfahrer nach Cocuy mitgeben. Der Lechero wird sie dann herauf in die Berge mitnehmen. Wir sind zwar ein wenig skeptisch, ob die Operation gelingt, doch zwei Tage später hat der Milchwagen wirklich Gas aus Bogotá für uns mit dabei.

Ein wenig besser akklimatisiert verabschieden wir uns von unserem netten Gastgeber und starten unsere Wanderung. Gleich von beginn an sind wir begeistert von der Einsamkeit und der schroffen Eleganz der Landschaft, wie man sie wohl nur im Hochgebirge findet. In fünf Tagen wandern wir über karge Hochmoore, überqueren einsame Pässe und begegnen dabei kaum einer Menschenseele. Wenn am Abend die wärmende Sonne langsam hinter den Bergketten verschwindet und die Kälte in die Hochtäler kriecht, schlagen wir unser Zelt an Ufern von kristallklaren Gebirgsseen, unter atemberaubenden Felswänden und nahe an blau schimmernden Gletschern auf. Voller Ehrfurcht beobachten wir jedesmal, wie die bereits untergegangene Sonne die letzten Bergspitzen rot bepinselt und ganze Felswände ihm Abendlicht zu strahlen beginnen.

Am letzten Tag unserer Tour stehen wir sogar fast am Gipfel des 5200m hohen Pan de Azucars, doch ein überhängender Eisvorsprung verwehrt uns den Gipfelsieg. 20 Höhenmeter fehlen uns auf die Spitze, aber auch von hier ist der Ausblick auf die Andenkette und das Tiefland weit unter uns phänomenal. Nur schwer können wir uns nach diesem krönenden Abschluss vom Nationalpark wieder trennen, doch unsere Vorräte sind längst aufgebraucht. Hungrig wandern wir zurück zu Juan Carlos' Hütte, der schon auf uns gewartet hat. Eine letzte Nacht werden wir noch bei ihm verbringen, dann nehmen wir den Lechero wieder zurück ins Dorf.

Valid XHTML 1.0 Valid CSS