Die Bergkette des Tian Shans thront über dem Ufer des Issyk Köls, Kirgistan

Ferienparadies Issyk Köl Kirgistan Flagge

Bishkek, Februar 2004

Fast ein wenig unwirklich liegt in der Osthälfte Kirgistans auf 1600m Seehöhe der tiefblaue Issyk Köl umringt von schneebedeckten Vier- und Fünftausendern. Thermale Aktivitäten und ein leichter Salzgehalt lassen den zweitgrößten Gebirgssee der Welt auch im Winter nicht zufrieren, den die Sowjets gleich doppelt zu nutzen gewusst haben: Für Kurtourismus und als Torpedotestgebiet. Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus hat die neue kirgisische Regierung jedoch für Torpedos kein Geld mehr, und auch die erholungssuchenden Parteibonzen aus Moskaus bleiben aus. Das Torpedotestgelände ist längst geschlossen, und die betonklotzenden Sanatoria an den Ufern des Issyk Köls bröckeln vor sich hin.

Im Kurort Cholpon-Ata am Nordufer des Sees sind im Winter nur zwei der vielen Anlagen in Betrieb. Wir wollen den Ostblockcharme auskosten und besuchen den besten Komplex am See. Es ist nicht viel los. Im Hallenbad des Kyrgyz Seaside Resort schwimmen wir unsere Längen, während neben uns eine kasachische Jungmannschaft Lagen trainiert. Viele der Beckenfliesen sind bereits abgefallen und sammeln sich traurig am Boden des Pools. Durch die verdreckten, jahrelang nicht geputzten Fensterfronten sieht man hinaus auf nebelverhangene Berge. Vor den Fenstern hat jemand ein paar Palmen auf eine unverputzte Ziegelmauer gemalt, doch so richtige Südseestimmung kommt kaum auf. In den stark nach Chlor riechenden Hallen mit ihren verrostenden Wasserrohren fühlen wir uns eher wie in einer heruntergekommenen Klinik als in einer Wellness-Oase.

Wir bleiben ein paar Stunden, bevor wir ein paar Kilometer weiter an das Ostufer des Sees nach Karakol fahren. Der Ort ist das administrative Zentrum der Region, kleine nette Häuser mit blauen Fensterläden und blauen Gartenzäunen prägen das Stadtbild. In den schneebedeckten Straßen parken rostende Ladas neben gesattelten Pferden, alte Kirgisinnen verkaufen am Straßenrand verschrumpelte rote Äpfel. Karakol zählt 60.000 Einwohner, asphaltiert sind allerdings nur die wichtigsten Hauptstraßen wie die "Lenina" und die "Karl-Marxa". Wir sind erstaunt, dass die Kirgisen die Straßennamen aus kommunistischen Tagen selbst 13 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion noch nicht geändert haben. Doch nicht nur auf den Straßenschildern sind die Gespenster der Vergangenheit überall noch präsent: Im Pushkinpark thront im Herzen der Stadt noch immer ein alter Panzer der Roten Armee auf seinem bröckelnden Betonsockel. Karakol verändert sich nur langsam. Die Glocken der alten russisch-orthodoxen Kirche, die von den Bolsheviken in einen Tanzklub umgebaut wurde, rufen heute wieder zum Gebet, und auch in der Moschee gleich nebenan rollen Männer wieder Teppiche für das Freitagsgebet aus.

Wir sind rechtzeitig zum wöchentlichen Vieh-Basar in der Stadt, der am Ortsende Karakols seine Tore geöffnet hat. Es beginnt gerade zu schneien, als wir in das rege Treiben eintauchen und am offenen Gelände eine Runde drehen. Unter freiem Himmel gibt es vom Schaf bis zur Kuh jedmögliches Haustier genauso wie jede Menge Vodka zu kaufen, mit dem ein erfolgreich abgeschlossenes Geschäft gleich an Ort und Stelle gefeiert wird. Frauen verkaufen frisches Brot und die in der gesamten Ex-Sowjetunion beliebten Prioschkis, die sie neben den Schnapsflaschen in alten Kinderwägen gestapelt haben.

Wir sind zwar nicht zum Einkaufen hier, die geschäftige Marktatmosphäre zieht uns allerdings sofort in ihren Bann. Neugierig beobachten wir, wie Kuhhändler um den Preis eines Tieres feilschen, Ziegen ihre Eigentümer wechseln und stolze Besitzer von neuen Schafen die lebenden Tiere gleich in die Kofferräume ihrer verbeulten Ladas verfrachten. Kinder spielen auf riesigen Heuhaufen, alte Omas warten auf ihren Pferdefuhrwerken geduldig, bis alle Familiengeschäfte abgewickelt sind. In der Pferdeecke des Marktes lässt ein Gaul nicht locker und schnüffelt ständig an Stefans Jackentasche. "Riecht Dollar!", lacht der Pferdeverkäufer verschmitzt und deutet halb im Scherz, ob wir nicht doch auch zuschlagen wollen.

Karakol hat neben dem Viehmarkt an einem Winterwochenende noch eine weitere Attraktion zu bieten, denn jeden Samstag betreibt ein Alpinklub in den Bergen hinter der Stadt einen Schilift. Beim Administrationsgebäude der Skibaza im Zentrum des Ortes hat man uns gesagt, wir könnten samstags in der Früh mit hinauf ins Schigebiet fahren. So stehen wir Samstag Morgen pünktlich um 7 Uhr vor dem etwas verlassen wirkenden Gebäude. Wir wollen schon aufgeben, doch plötzlich biegt ein alter Unimog um die Ecke. Der Schiklub hat das alte Militärfahrzeug behelfsmäßig zu einem Passagiertruck umgebaut, der uns jetzt mit einer Horde Schulkinder hinauf in die Berge zum Lift bringt.

Als wir nach einer Stunde Fahrt vom Truck klettern und die schäbige Hütte des Alpinklubs sehen, sind wir uns allerdings nicht mehr so sicher, ob wir uns bei der winzigen Talstation auch eine Schiausrüstung ausborgen können. Doch eine junge Frau nimmt sich gleich um uns an. Sie heißt Leva, erzählt sie uns, und ist offensichtlich die Chefin hier. "Schi?", fragt sie und räumt gleich ohne auf eine Antwort zu warten zwei Paar aus einer alten Holzhütte hervor. Stefan bekommt über zwei Meter lange, 20 Jahre alte Fischer Latten in die Hand gedrückt, Christa schnallt sich zwei KompaktAlu 212 an die Füße, und schon kann es losgehen.

Ein flacher Ziehweg führt vom Parkplatz aus über einen kleinen Waldweg zur Talstation des einzigen Schleppers. Dort warten bereits die Kinder ungeduldig darauf, dass der rostige Lift eingeschalten wird. Als wir ankommen, wirft unser Unimog Fahrer gerade den knatternden Dieselmotor an und winkt uns gleich als erste in die Liftspur. Wir dürfen allerdings nicht gemeinsam hinauffahren. Anscheinend traut man unseren Schi- und Liftfahrkünsten nicht so recht, deshalb bekommen wir erfahrene Jugendliche zur Seite gestellt. Der Lift hat zugegebener Maßen ja auch so seine Tücken: Die meisten Holzbügel sind bereits abgebrochen, die Liftspur ist ganz schön steil. Auch die unpräparierte Piste ist einigermaßen anspruchsvoll und die alten Schi etwas kriminell, aber wir können Liftwart und Leva von unserem Können überzeugen. "Good, Christa! Good, Stefan!" ruft sie uns vom Lift aus zu, als sie uns entdeckt. Beim zweiten Mal Liftanstellen gibt es keine Einwände mehr, ab jetzt dürfen wir gemeinsam hinauffahren.

Wir nutzen jede Minute, denn um 10 Uhr wird der Lift wieder abgedreht, die Kinder sollen rechtzeitig zum Mittagessen wieder daheim in Karakol sein. Zum Abschluss dürfen wir mit den Lokalmatadoren eine Geländeabfahrt durch dichten Wald zum Unimogparkplatz mitfahren. Was als Auszeichnung gemeint war, endet jedoch fast in einem schifahrtechnischen Desaster: Wir sind die langen Schi nicht gewöhnt, Stefan steckt es gleich mehrmals kopfüber in den Pulver, und auch Christa landet des öfteren im Schnee. Von Kopf bis Fuß weiß, aber glücklich, heil angekommen zu sein, erkundigen wir uns zurück beim Parkplatz, wieviel wir dem Klub schuldig sind. Doch Leva winkt lachend ab. Wir bedanken uns für die freundliche Aufnahme und stecken ihr ein paar Som Scheine Trinkgeld zu, vielleicht kann der Klub ja in einen neuen Holzbügel für den Lift investieren.

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