Ein alter Mann raucht in einem Teehaus in Shiraz Wasserpfeife, Iran

Im Land der Schurken Iran Flagge

Mashad, April 2004

Nur wenige Tage nach dem iranischen Neujahr passieren wir in den Bergen südlich von Ashgabad die turkmenisch-iranische Grenze. Christa hat sich schon vorsorglich ein Kopftuch umgebunden und einen Mantel angezogen, und so winken uns die freundlichen Grenzbeamten ohne Probleme an einem riesigen Portrait von Ayatollah Khomeini vorbei in ihr Land.

Unsere erste Station im Iran ist Mashhad, das heiligste schiitische Pilgerzentrum des Gottesstaats. Die Stadt ist wegen der Neujahrsfeiern noch immer von zigtausenden Pilgern überschwemmt, die gekommen sind, um das Grab von Imam Reza zu besuchen, der Anfang des 9. Jahrhunderts einem Machtkampf mit dem Kalifen von Baghdad zum Opfer fiel. Die iranischen Shiiten verehren den Märtyrer seither wie einen Heiligen.

Gleich nachdem wir uns in einem der zahlreichen Hotels der Stadt einquartiert haben, machen wir uns zum Grabmal des Imam auf, um das im Laufe der Jahrhunderte ein richtiger Tempelbezirk entstanden ist. Im Inneren des riesigen Mausoleums müssen Frauen einen alles verhüllenden Chador tragen, respektvolles Benehmen wird erwartet. Doch die Atmosphäre im Heiligen Bezirk ist für uns überraschender Weise fröhlicher und entspannter, als wir gedacht hätten. Pilger sitzen am Boden, nicht wenige haben ein Picknick mitgebracht. Ein paar junge Burschen, die ihre billigen Kompaktkameras herein geschmuggelt haben, machen trotz Fotografierverbots verstohlene Schnappschüsse. Familien winken uns zu, einige Mädchen versuchen, sich in gebrochenem Englisch mit uns zu unterhalten und freuen sich offensichtlich, dass wir da sind. „Katolik – Muslim – Friend!“ hören wir öfter von Familienvätern, die Stefan immer wieder beherzt die Hand schütteln.

Nur eine übereifrige Mitarbeiterin des "Centers for Guidance for International Pilgrims" sieht alles leider nicht so locker. Die junge Dame im schwarzen Chador hat uns bald erspäht. Sie trägt eine grüne Schleife um ihre Hüfte gebunden, ein für jeden sichtbares Zeichen, dass sie in direkter Linie vom Propheten Mohammed abstammt. Jetzt wacht sie streng darüber, dass wir als Ungläubige den allerheiligsten Schrein des Imam Reza innerhalb des Tempelkomplexes nicht betreten. Die junge Frau erklärt uns, wie toll nicht der Islam, wie heilig nicht der Schrein ist. Mit Glanz in den Augen erzählt sie in perfektem Englisch, wie Moslems ihr ganzes Vermögen stiften, weil sie den Imam so lieben, wie ganze Wohnviertel geschliffen werden, um die Anlage immer mehr zu vergrößern. Zum Abschied drückt sie uns eine Hetzschrift über "Die Wahrheit über das Christentum" in die Hand. Darin ist zu lesen, wie Christen sich zu Weihnachten in Nachtklubs besaufen und zu Ehre Christi Geburts Orgien feiern.

Bei den normalen Pilgern ist jedoch von religiösem Fanatismus nichts zu spüren. In den Gassen rund um den Schrein sind sie Tag und Nacht vor allem mit profaneren Dingen wie Einkaufen beschäftigt. Ältere Frauen bewundern interessiert die Schmuckstücke in den Auslagen der Juweliere, und manchen modisch gekleideten jungen Mädchen rutscht beim Shopping das obligatorische Kopftuch schon fast nach hinten auf die Schulter. Junge Pärchen schlendern Hand in Hand durch die Marktgassen, Frauen im Chador steuern auf uns zu. "Welcome to Iran" grüßen sie und kudern. Die meisten von ihnen wollen wissen, woher wir kommen, ob wir reich sind, und ob es uns hier im Land gefällt. Eine Straßenecke vom Markt entfernt spricht uns ein Mann an. Er will ein wenig Englisch üben und lädt uns zu einer Wasserpfeife in ein Teehaus ein. Majid ist gut situierter Pistazienfarmer, erfahren wir, in seinem Dorf bewirtschaftet er 4000 Bäume, aber schon vor einigen Jahren ist er wegen der Ausbildung seiner Kinder mit der ganzen Familie hierher in die Stadt gezogen. Besonders stolz ist er auf seine älteste Tochter Azade, die Chemie studiert. Sie hat ihm Englisch beigebracht und paukt mit ihm zwei Stunden Vokabeln pro Tag.

Er gehe gerne ins Teehaus, erzählt Majid, während er zum Takt der Musik wippt und an unserer gemeinsamen Wasserpfeife zieht, die mit einem Bildnis von Shah Abbas I geschmückt ist, der Persien im 16. Jahrhundert regierte und die Königsstadt Esfahan mit Prunkbauten pflasterte. Stefan hätte gerne eine Pfeife mit dem Ayatollah drauf, schlägt er Majid im Scherz vor, wäre irgendwie eine coole Idee. Doch der Pistazienfarmier reagiert keineswegs amüsiert. "Psst", flüstert er, "Talk bad about Khomeini. Go prison." Im Iran streift man leicht an der unsichtbaren Linie zwischen Möglichem und Verbotenem, und beim Gründer der islamischen Republik verstehen die Sittenwächter offensichtlich weniger Spaß.

Am nächsten Morgen wandern wir nochmals durch die Gassen der Stadt und stoßen auf ein paar Männer, die ein altes rostiges Auto reparieren. Als wir fragen, wie alt der Kübel ist, lacht der weißhaarige Besitzer. Das Auto war schon unterwegs, als es noch einen Shah gab, meint er, der Wagen sei ein im Iran damals unter Lizenz hergestellter englischer Paykan. Wir wollen schon weitergehen, doch der alte Mann bedeutet uns zu warten und verschwindet im Haus. Nach kurzer Zeit kommt er mit einer Karaffe Limonenwasser wieder und schenkt uns zwei Gläser ein. Wie so viele, will er wissen, wie uns der Iran gefällt. "Chub" - "gut", antworten wir begeistert mit unseren limitierten Farsi-Kenntnissen und strecken den Daumen in die Höhe. Doch er widerspricht: "Iran no good". Das haben wir heute in den Straßen der Stadt schon öfters von jemanden gehört. "In Europe men and women bathe together in the sea. When have picknick they drink wine", meint unser Gastgeber wehmütig. Da können wir ihn gut verstehen, denn immerhin ist Persien die Heimat des Shiraz, unseres Lieblingsweines aus Australien. Doch in ihrem Ursprungsland sind die Reben längst ausgerissen. Als die übereifrigen Mullahs nach der iranischen Revolution 1979 an die Macht kamen, ließen sie sämtliche Weinstöcke des Landes ausgraben und ins Ausland verkaufen. Alkohol ist nach wie vor im gesamten Iran verboten.

Das widersprüchliche Land ist für uns auch nach längerer Zeit nur schwer zu fassen. Auf der einen Seite beobachten wir junge Pärchen, die in lässig eingerichteten Lokalen ihre Cola schlürfen und nur darauf zu warten scheinen, dass der Barmann nicht nur alkoholfreie Bierflaschen hinter ihm ins Regal stellt. Auf der anderen Seite fordert uns ein älterer Teehausbesitzer ein wenig später höflich aber bestimmt dazu auf, wir mögen uns doch in die Familienecke setzen, da wir als Paar unwissentlich in dem nur Männern vorbehaltenen Bereich Platz genommen haben.

Doch ganz egal ob progressiv oder konservativ, als Reisende sind wir von der Gastfreundschaft aller Iraner immer wieder überwältigt. Ständig bietet uns jemand an, uns in seinem Auto mitzunehmen, wenn wir nur ein paar Schritte mit unseren Rucksäcken auf der Straße unterwegs sind. Auf Überlandfahrten werden wir auf eine Jause eingeladen, sobald unsere Sitznachbarn merken, dass wir nichts zu Essen dabei haben, und in Stadtbussen haben wir es schwer, überhaupt bezahlen zu dürfen. Als wir uns einmal in der zentraliranischen Stadt Jazd nach der richtigen Busnummer vom Busbahnhof ins Stadtzentrum erkundigten, kidnappte der Chaffeur gleich seinen ganzen Bus und änderte kurzerhand seine Route. Mit Tempo 100 düsten wir mit ihm durch die Straßen bis er uns am Hauptplatz absetzte. Er war richtig beleidigt, als wir ihm Geld für die Fahrt anbieten wollten. "Nice to meet you", rief er noch und brauste davon.

Als wir nach einem Monat das Land wieder verlassen, haben uns die gastfreundlichen Iraner eindrucksvoll vorgeführt, dass das Land nicht nur von religiösem Fanatismus beseelt ist. Wir nehmen uns fest vor, so bald wie möglich wieder zu kommen, denn mit seinen tausende Jahre alten Oastenstädten, seinen antiken Ruinen und seinen persischen Palästen, vor allem aber mit seinen herzlichen Bewohnern hat uns das Land in seinen Bann gezogen.

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