Buddhastatue im Tempel von Borodbodur, Indonesien

Feuerberge Indonesien Flagge

Ostjava, September 2003

Um halb 4 Uhr in der Früh kriechen wir aus unseren Schlafsäcken und stapfen hinaus in die dunkle Nacht. Vor der einfachen Holzhütte, in der wir hier am Pos Paltuding übernachtet haben, weht uns angenehm kühle Bergluft ins Gesicht. Wieder einmal funkeln tausende Sterne über uns am weiten Himmel, in den vor uns dunkel und bedrohlich der Vulkankegel des Kawa Ijen empor ragt. Wir sind gestern von der stickigen, schwülen Stadt Banyuwangi im Osten der indonesischen Insel Java mit unseren Rucksäcken zu Fuß die steile Straße durch Kaffeeplantagen und dann durch dichten Wald hinauf zum Pass gewandert. Heute wollen wir vom Pass aus den Fußweg weiter, um rechtzeitig zu Sonnenaufgang oben am Kraterrand des Kawa Ijen zu stehen.

Während wir uns so früh mit unseren Stirnlampen bergauf plagen, sind wir allerdings längst nicht mehr allein. Schon seit 2 Uhr in der Nacht sind Schwefelarbeiter am gleichen Pfad unterwegs, um zur Mine im Inneren des Kraterkegels zu gelangen. Der Weg zum Kraterrand hinauf ist steil und beschwerlich, doch die meisten der Arbeiter sind bloß mit Badeschlapfen unterwegs, nur wenige können sich Gummistiefel leisten. Mit ihren noch leeren Tragekörben auf der Schulter grüßen sie fröhlich, während sie uns im Laufschritt überholen. Wer den Weg zur Mine und zurück zur Wägestation beim Pos Paltuding zweimal am Tag schaffen will muss schnell sein. Schon am späten Vormittag lässt normalerweise der Morgenwind nach, der hier regelmäßig über die Berge streicht, und die Schwefeldämpfe aus dem Inneren des Kraters machen ein Arbeiten in der Mine dann praktisch unmöglich.

Wir schnaufen ganz schön und schaffen es doch nicht rechtzeitig zu Sonnenaufgang bis ganz zum Rand des Kraters. Während wir höher klettern, verfärbt sich langsam der Himmel im Osten, unter uns schälen sich die nebelverhangenen Küsten der Nachbarinsel Bali aus dem Meer, die steilen Flanken des nicht weit entfernten Vulkankegels des Gunung Raung leuchten blutrot in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne.

Als wir kurz darauf das erste Mal über den Rand des Kawa Ijen in sein fauchendes Maul schauen, bietet sich uns ein spektakulärer Anblick. Das Innere des Kegels gleicht einer toten Gesteinswüste, an den zerfurchten Hängen aus Asche rührt sich kein Leben. Vom Rand aus führt ein schmaler, steiler Pfad hinab ins Innere, wo ungefähr zwei hundert Meter unter uns der toxische Kratersee bläulich schimmert, an dessen Ufer dutzende Fumarole zischen, die gelben, giftigen Schwefeldampf speien. Es stinkt bestialisch nach faulen Eiern.

Die Schwefelarbeiter haben uns längst abgehängt und mühen sich bereits unten am Seeufer bei der Mine ab. Als wir den steilen Pfad hinunter einschlagen, treffen wir auf Babak Agus, den wir gestern bei der Wägestation am Pos Paltuding kennen gelernt haben. Babak Agus kann ein paar Wortfetzen Englisch und war deshalb der Star unter den Männern, als vor ein paar Wochen ein österreichisches Kamerateam hier war, um eine Dokumentation über die Minenarbeiter zu drehen. Unten angekommen müht er sich jetzt bei einem der Rohre ab, die hier in den Berg geschlagen wurden und aus denen flüssiger Schwefel rinnt. Die Arbeitsbedingungen sind unvorstellbar. Nur mit einem feuchten Tuch als Schutz vor Nase und Mund gewickelt verschwindet Babak Agus in den Dämpfen, um die kochende, gelbe Suppe mit einem Kübel aufzufangen. Die erkaltenden Schwefelbrocken verteilt er dann sorgfältig in seine zwei Tragekörbe, die er mit einer Querstange verbinden und auf seine Schulter laden wird. 75 Kilo will er heute bei seiner ersten Tour ins Tal schaffen.

„35 years“, lacht Babak Agus, während er sich eine kurze Pause gönnt. Tagein, tagaus müht er sich hier in der Mine ab und ruiniert dabei seinen Körper für ein paar Rupiah. Unten am Pos Paltuding, wo die Ladung gewogen wird bevor sie auf den Lastwagen der Schwefelfabrik verfrachtet wird, bekommt er für jedes Kilo Schwefel 300,- Rupiah, umgerechnet ca. 3 Eurocent. Macht er die Strecke heute zwei Mal, zahlt ihm der Vorarbeiter 45.000,- Rupiah (4,50 Euro) Tagelohn für seine Schufterei. Uns kommt der Betrag lächerlich wenig vor, doch für indonesische Verhältnisse, erklärt uns Babak Agus, sei der Verdienst gar nicht so schlecht. Das sei doppelt so viel, als er in einer Kaffeeplantage verdienen würde, und um 2.500,- Rupiah kann er sich im Dorf bereits ein warmes Mittagessen kaufen. Mit seinem Gehalt könne er seine Familie ganz gut ernähren, meint er. Natürlich nur so lange er im Stande ist, die körperliche Schwerarbeit zu verrichten. Wird er krank, zu schwach oder zu alt, gibt es kein Geld. Jeder arbeitet hier in die eigene Tasche, einen Zusammenschluss unter den Trägern oder gar eine Gewerkschaft oder eine Altersvorsorge gibt es nicht.

Mit unserer Kamera in der Hand kommen wir uns ein wenig schäbig vor, wie wir die Schwefelarbeiter beobachten, wie sie sich am Ufer des Sees bei den fauchenden Fumarolen abschinden. Eigentlich wollten wir wenigstens Zigaretten mitnehmen, doch die haben wir dummer Weise unten in der Hütte vergessen. Die Träger scheint unsere Anwesenheit allerdings nicht zu stören. Viele der Männer sind stolz auf die körperliche Höchstleistung, die sie täglich unter schwierigsten Bedingungen vollbringen und brüsken sich mit der Anzahl an Kilos, die sie auf einmal zu Tal tragen können. „Sulfurman!“ kräht einer von ihnen, als er uns mit der Kamera entdeckt, und bringt sich wie Superman vor unserer Linse in Stellung, worauf alle um uns herum in Gelächter ausbrechen. Stefan versucht, seinen Tragekorb zu heben und bringt ihn kaum auf die Schulter. Wir können uns nicht vorstellen, wie man diese Last nur mit Badeschlapfen an den Füßen den steilen Weg zurück hinaus zum Kraterrand tragen soll.

Babak Agus verabschiedet sich von uns, schultert seine Gesteinsbrocken und macht sich langsam auf den Weg. Auch wir brechen wieder auf und beginnen, den steilen, beschwerlichen Pfad aus dem Vulkan hinaus zu wandern. Der Morgenwind lässt jetzt bereits spürbar nach, immer mehr schwarz-blaue Wolkenfetzen aus Schwefeldampf ziehen von der Mine unter uns nach oben. Der beißende Rauch sticht uns in den Augen, uns ist schlecht vom teuflischen Gestank. Bergauf überholen wir nun die Minenarbeiter, die sich mit ihrer schweren Last Höhenmeter um Höhenmeter vom See aus nach oben kämpfen. Alle paar hundert Meter müssen sie ihre Tragekörbe abstellen, der Schweiß perlt von ihrer Stirn. Die jungen Männer nicken freundlich zum Gruß, wenn wir vorbei kommen. Einige wollen für ein Trinkgeld fotografiert werden, andere versuchen, kleine leuchtend gelbe Schwefelskulpturen zu verkaufen, um ihren Lohn ein wenig aufzubessern.

Wir sind froh, als der Kraterrand wieder erreicht ist und der bestialische Schwefelgeruch etwas nachlässt. Von hier aus geht es nochmals in drei Kilometern 400 Höhenmeter steil bergab zurück zum Pos Paltuding auf 1500 Meter Höhe. Mit ihrer schweren Last auf den Schultern traben die Träger förmlich den steilen Vulkankegel bergab. Die Männer haben eine eigene Gangart entwickelt, um mit jedem Schritt das schwere Gewicht auf ihren Schultern etwas abzufedern. Beim Abstieg wippen ihre vollgeladenen Tragekörbe im Takt, rhythmisch ächzt die geschulterte Querstange bei jedem Schritt. Doch der steile, ausgetretene Pfad hinunter zum Pass ist tückisch, die Arbeiter müssen höllisch aufpassen, um mit ihrer schweren Last am Rücken am losen Geröll nicht auzurutschen.

Unten bei der Wägestation angekommen sind wir von unserer Wanderung ganz schön müde. Doch während wir es uns vor unserer kleinen Hütte in der Sonne ein wenig gemütlich machen können, machen sich die ersten Träger bereits das zweite Mal auf den Weg, um zum pfauchenden Kawa Ijen hinaufzusteigen. Noch ist der Wind halbwegs günstig, doch die Zeit wird bereits knapp.

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