Tänzer am Fest des Heiligen Thomas in Chichicastenango, Guatemala

Am Fest des Heiligen Thomas Guatemala Flagge

Chichicastenango, Dezember 2007

Vor über tausend Jahren erbauten die alten Maya in Zentralamerika zu Ehren ihrer Götter spektakuläre Tempelanlagen und errichteten mächtige Stadtstaaten, bis ihre Kultur plötzlich von einer bis heute ungeklärten Katastrophe heimgesucht wurde und die Maya fast spurlos auslöschte. Ihre beeindruckenden Städte waren bald wieder vom tropischen Regenwald überwuchert und gerieten in Vergessenheit. Die spanischen Eroberer, die erst ein paar Jahrhunderte nach dem plötzlichen Untergang der Hochkultur über Zentralamerika herfielen, fanden nur mehr wenige vereinzelte Mayastämme vor, mit denen sie leichtes Spiel hatten, doch in den entlegenen Dörfern des Hochlandes von Guatemala konnten einige wenige Nachfahren der alten Maya ihre Sprache, ihre Tracht und ihre Bräuche teilweise noch bis heute bewahren.

Aber unsere moderne Zeit bedroht das Schicksal der alten Dorfgemeinschaften: Nur mehr in wenigen Regionen leben die Maya heute fernab der Außenwelt, denn immer besser ausgebaute Straßen lassen auch in Guatemala die Randregionen mehr ins Zentrum rücken. Mit neuen Straßen hält der Fortschritt Einzug, und das nationale Tourismusbüro hat darüber hinaus die lebendigen Märkte und die bunten Trachten der Maya längst für seine Zwecke entdeckt. Guatemala setzt auf ausländische Gäste und in einigen leichter erreichbaren Städten wird der Folklore-Tourismus stark forciert, wie zum Beispiel in der Kleinstadt Chichicastenango, die nahe der Panamericana im Hochland liegt und mit ihrem bunten Donnerstagsmarkt um die Gunst der Touristen wirbt. Wir sind rechtzeitig zum Fest des Heiligen Thomas in der letzten Adventwoche vor Weihnachten in der Stadt. Eine ganze Woche lang feiert hier die Cofradía - die Brüderschaft - des Heiligen Thomas in einer Mischung aus Mayabräuchen und katholischer Tradition den Patron ihrer Kirche. Tausende Maya aus den umliegenden Dörfern sind zum Fest angereist, genauso wie dutzende ausländische Touristen mit ihren großen Kameras.

Am Ende der Woche steuern die Feierlichkeiten ihrem Höhepunkt zu. Schon bei Sonnenaufgang reißt uns freitags früh lautes Krachen aus unseren Betten. Draußen auf der Straße ist bereits eine Prozession zu Ehren des Heiligen Thomas in vollem Gang, und so schlüpfen wir schnell in unser Gewand und laufen zum Dorfplatz. Dort tragen Männer riesige, mit Federn, Obst und Spiegeln geschmückte Aufbauten über den Platz, in der Mitte der Prozession thront die Statue des Krichenpatrons. Weihrauch hängt in der Luft, Marimbamusik klingt über den Platz. Recht getragen ist die Stimmung aber nicht. Alle paar Meter müssen die Männer die enormen Federkronen abstellen und dann - Kabbumm!! - fetzt aus kleinen Eisenrohren eine Ladung Papierschnitzel in die Luft, dass es einem fast das Trommelfell zerreißt. "Es la Bomba", erklärt uns ein junger Maya und streckt den Daumen in die Höhe.

Langsam nähert sich der Aufmarsch der Kirche. Während Burschen eilig auf den Kirchenstufen 30 Meter lange Schlangen voll bestückt mit Krachern ausrollen, brüllt ein Moderator ins Mikrofon: "Chichicastenango - El Mecca del turismo!". Viel Zeit hat er nicht, denn schon explodieren die ersten Kracher der Schlange und der ganze Platz versinkt wiederum in ohrenbetäubendem Getöse. Man kann mit Recht behaupten, hier ist die Hölle los.

Nachdem die Statue des Heiligen Thomas vorm Kirchenportal aufgestellt wurde, marschieren maskierte Tänzer in prächtigen, federgeschmückten Kostümen am Dorfplatz auf. Sie nehmen Aufstellung und beginnen, umringt von Dorfbewohnern und Touristen, zur Marimbamusik herumzuhüpfen. Ihr wilder, unkoordinierter Tanz wird Stunden dauern, doch einigen wird die Hitze und der Schnaps bald zu viel. Im Laufe des Tages beobachten wir immer wieder, wie zwei Helfer taumelnde Tänzer diskret ins nächste Haus schleppen.

Als letztes erscheinen dann schlussendlich die Cofradías selbst am Platz. Die alten Männer sind in der traditionellen Mayatracht von Chichicastenango gekleidet. Einer von ihnen tanzt im Hüpfschritt mit einer kleinen Pferdestatue samt Reiter bis zu einem eigens aufgebauten Tisch an die Seite des Platzes, wo die Reiterstatue in der Mitte des geschmückten Tisches platziert wird, und alle Männer reihum Platz nehmen. Dann beginnt das Saufen. Von jedem Stamperl bekommt der Reiter einen kleinen Schluck, der Rest ist für die Cofradías. Die Männer haben damit ihre Tagesbeschäftigung gefunden. Hinter dem Tisch sitzen alte Frauen auf Stufen und helfen fleißig mit.

Inzwischen zerfetzt es am Platz eine Kracherschlange nach der anderen. Je lauter, desto besser. Als uns der Lärm zu viel wird, wandern wir vom Dorfplatz ein wenig stadtauswärts. In den engen Gassen haben unzählige Händler ihre windschiefen Stände aufgebaut. Je weiter wir vom Zentrum wegkommen, desto mehr weichen die Souvenirstandl den Dingen des täglichen Bedarfs. Allmöglicher Krimskams von der Plastikschüssel, über Haarspangen, bis zu Batterien und Erdnüssen wird zum Verkauf angeboten. Frauen in bunten Trachten schieben sich durchs Gewühl, die Kinder in einem Tragetuch auf den Rücken gebunden. Männer mit Cowboyhüten grüßen sich und tauschen die neuesten Geschichten aus.

Heute strömen jedoch die meisten Besucher bei den Ständen vorbei zur Stadt hinaus, denn während der Festtage hat draußen auf einem Feld ein Vergnügungspark seine Pforten geöffnet. Schon beim Eingang scharen sich Burschen um selbstgebaute Wuzzeltischen, während gleich dahinter ein kleines Riesenrad aufgebaut ist, von dem aus kleine Mädchen voller Stolz aus ihren Sitzen auf den Platz hinunter schauen. Das selbst gebaute Rad wird von Hand betrieben und jedesmal, wenn der junge Betreiber heftig antaucht, ist schrilles Kreischen über den gesamten Rummelplatz zu hören. Der wahre Renner sind jedoch die improvisierten Glücksspiele. Die Tandler haben sich einiges einfallen lassen: Vom selbst gebastelten Roulette über Dosen schießen bis zum Bilderbingo ist so ziemlich jedes denkbare Spiel vertreten. Am besten gefällt uns ein Stand, bei dem Plastikteller im Wasser eines Babyschwimmbeckens treiben. Gewinner ist, wessen vom Rand aus geworfene Quetzalmünze (ungefähr 10 Cent) auf einem der Teller liegen bleibt. Was einfach aussieht, ist schwieriger, als wir denken, doch der Hauptgewinn lockt nicht nur uns: Ein kleiner Bursch strahlt mit Siegermiene, während er für seinen gelungenen Wurf eine der 3.3 Liter Colaflaschen ausgehändigt bekommt. Insgesamt verspielen wir über 10 Quetzales ohne Aussicht auf Erfolg - mehr Geld, als wir in Las Vegas liegen gelassen haben.

Zurück am Dorfplatz ist das Fest noch immer in vollem Gange. Inzwischen haben zwei Bands auf beiden Seiten des Platzes ihre riesigen Boxen aufgebaut und spielen die neuesten Ladino Hits um die Wette. Die Musiker geben ihr Bestes, sich gegenseitig akustisch und optisch zu übertreffen. In glitzernden Anzügen versuchen sie, mit ihrer Bühnenshow zu beeindrucken, während sie die Texte von Shakira und Co. ins Mikrofon schmettern. Ein paar Touristen wippen im Takt, doch die Maya sind nicht so leicht mitzureißen. Stocksteif stehen sie zu Hunderten vor den beiden Bühnen und verziehen keine Miene. Allein die paar vollkommen Betrunkenen tanzen, bevor sie umkippen und liegen bleiben, wo sie gerade gestanden haben. Dazwischen kracht wieder "La Bomba" aus vollem Rohr und lässt beiden Bands keine Chance.

Abends wird es im Hochland von Guatemala rasch finster. In der Mitte des Platzes ist mittlerweile ein riesiges Eisengestell aufgebaut worden, und wir stellen uns wie viele andere Zuschauer in der Abenddämmerung auf die Stufen der Kirche, denn zwanzig Minuten nach sechs, so sagt man uns, beginne das Spektakel. Wir warten gespannt, bis pünktlich zur versprochenen Zeit ein Helfer mit einer Lunte das Gestell entzündet und ein Feuerschauer auf die Menschenmenge ringsum niedergeht. Nun geht es Schlag auf Schlag: Eine Feuerspirale zündet die nächste, und in der folgenden halben Stunde leuchtet, sprüht und dreht sich alles am Gestell in allen möglichen Farben. Die paar Betrunkenen, die noch stehen können, tanzen voller Begeisterung direkt vor dem pyrotechnischen Feuerfall und stoßen ihn dabei fast um, als zum Schluss der Show ein rotierender Feuerring mit lautem Zischen vom Gestell abhebt und in Richtung Himmel verschwindet. Unglaublich!

Mit dem Ende des Feuerwerks ist allerdings auch das Fest schnell vorbei. Die Cofradías, die vom Schnapstrinken ohnehin schon ziemlich bedient sind, ziehen mit ihrer Pferdestatue ziemlich unzeremoniell wieder ab, und auch die Menge verflüchtigt sich rasch. Was für ein Fest, sind wir uns am Weg zurück ins Hotel einig, während sich eine kühle Nacht über Chichicastenango legt und die gewohnte Stille ins Dorf zurückkehrt.

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