Ein Mädchen zeigt in der verbotenen Stadt stolz seinen Haarschmuck, China

Peking China Flagge

Peking, Jänner 2004

Früh am Morgen wandern wir vor Sonnenaufgang im Jingshan Park gleich hinter der Verbotenen Stadt einen kleinen Hügel hinauf. Ein kalter Winterwind bläst durch den Park, in dem sich trotz der Kälte bereits einige Tai Chi Gruppen für ihre morgendlichen Übungen in Aufstellung bringen. Der frühe Spaziergang macht sich bezahlt: Als wir bei der Pagode am Gipfel des kleinen Hügels ankommen, haben wir im frühen Morgenlicht einen atemberaubenden Rundblick auf die Skyline des Großstadtdschungels rund um uns. Wohin das Auge reicht, reiht sich ein neues Hochhaus neben das andere. China ist im Modernisierungs- und Konsumrausch, und die Auswirkungen der boomenden Wirtschaft sind für uns besonders in Peking sichtbar, denn nach den einsamen Weiten des Khams mit seinen ärmlichen Dörfern kommt uns die Metropole unglaublich modern und westlich vor.

Neben den protzigen Regierungsgebäuden und den glitzernden Einkaufstempeln hat sich die Stadt aber noch ein wenig Flair erhalten können, wie zum Beispiel im Jingshan Park selbst: Während wir von unserem Aussichtspunkt den Hügel wieder hinunter wandern, hören wir aus einer Ecke des kleinen Parks Musik. Wir steuern darauf zu und brauchen nicht lange, um die Takte zu erkennen. Aus einem mitgebrachten Kassettenrekorder plärrt Brother Louie von Modern Talking, während eine Frauengruppe dazu Aerobic-Schritte übt. Gleich daneben tanzen Pensionistenpaare zu chinesischer Klassik und kommen dabei ständig den Fußfederballspielern in die Quere, die ihren Ball in der selben Ecke des Parks kunstvoll hin und her gaberln. Wir machen natürlich gleich überall mit, allerdings lassen uns die Walzerkönige mit unseren angestaubten Tanzkenntnissen ganz schön alt aussehen. Dennoch ernten wir anerkennende Blicke, wohl eher wegen der hellen Haare als wegen unserer Tanzkünste. In einer anderen Ecke des Parks entdecken wir einen Sängerchor und eine weitere Tai Chi Gruppe, die trotz der Minusgrade unermüdlich im Freien üben. Chinesen treffen sich offensichtlich das ganze Jahr über gern in ihren Parks. Ältere Männer hocken in kleinen Gruppen auf selbst mitgebrachten, bunten Plastikschemeln um Schachbretter, Damenrunden legen auf Klapptischen Mahjong Steine aus. Wir sind begeistert vom bunten Trubel und drehen gleich mehrere Runden.

Als wir den Park wieder verlassen, spazieren wir nach Norden in die Hutongs, die alten Wohngegenden Pekings. Hier winden sich kleine enge Gassen an geduckten grauen Häusern vorbei. Die Bewohner haben ihre Hauseingänge mit rot-goldenen Glückssymbolen geschmückt, in den kleinen Fenstern wächst Gemüse in Tontöpfen, bunte Wäsche flattert in der Sonne. Auf den Straßen herrscht emsiges Treiben: Händler preisen ihren Tee und ihre Mandarinen an, die sie in Fahrradanhängern kunstvoll gestapelt haben. Ein alter Mann betreibt einen improvisierten Palatschinkenstand, vor dem sich eine kleine Schlange wartender Kunden gebildet hat, Radfahrer transportieren alles mögliche Zeug, das sich teilweise meterhoch auf ihren Gepäckträgern auftürmt. Immer wieder kommen wir bei kleinen Restaurants vorbei, wo uns junge Kellnerinnen mit ihren Englischkenntnissen ins Lokal locken möchten: "Hello please come in you want eat we have English menu you are very tall!" rattert ein in chinesischer Tracht herausgeputztes Mädel in einem Atemzug.

Je näher wir in Richtung des Tian'anmen Platzes kommen, umso adretter werden die Häuser, umso sauberer die Gassen, Essensstände müssen Souvenirverkäufern Platz machen. Als uns die verwinkelten Gassen auf den großen Platz im Herzen der Stadt ausspucken, sind wir erst einmal sprachlos: Auf einer Fläche von 55 Fußballfeldern breitet sich vor uns der größte Platz der Welt aus, der Platz des Himmlischen Friedens. Kinder lassen Drachen steigen, Verkäufer verhökern Postkarten und kleine Chinafahnen, eigens abgestellte Wärter achten darauf, dass das offizielle Spuckverbot eingehalten wird.

Vor dem Eingangstor zur Verbotenen Stadt tummeln sich unzählige mit Kompaktkameras bewaffnete chinesische Touristen, die sich gegenseitig vor dem berühmten Bildnis Maos ablichten lassen, das über dem Eingang zum ehemaligen Kaiserpalast hängt. Kinder posieren vor dem Mao Bild mit der Nationalflagge in der Hand und recken stolz die Finger zum Victory-Zeichen. Des öfteren entdecken junge Mädchen Stefan, der dann unter lautem Gekicher gleich mit aufs Mao-Gruppenbild muss. Die Chinesinnen können sich dabei kaum halten vor Lachen, weil sie Stefan gerade einmal bis zum Bauch gehen, obwohl sie sich fürs Foto extra auf die Zehenspitzen gestellt haben.

Mao bewacht jedoch nicht nur den Eingang zur Verbotenen Stadt, auch in der Mitte des Platzes herrscht Chinas Übervater: Im Zentrum des Tian'anmen Platzes steht klotzig das riesige Mausoleum des Gründers der Volksrepublik. Die offizielle Propaganda des Parteiapparates scheint noch gut zu funktionieren, denn obwohl Millionen Chinesen in Maos Arbeitslagern ums Leben kamen, wartet auch an diesem kalten Wintertag eine riesige Schlange an Bewunderern, um in das Allerheiligste des Grabmals vorgelassen zu werden, und um einen kurzen Blick auf den einbalsamierten Leichnam des Volkshelden werfen zu dürfen. Wir geben unsere Rucksäcke und unsere Kamera ab und reihen uns neugierig in die Wartenden ein.

Schubweise wird die Menschenschlange von Soldaten ins Mausoleum eingelassen. Wir können es fast nicht fassen, wie just auf diesem Platz, an dem vor nicht einmal 13 Jahren Panzer auf Geheiß der chinesischen Partei Studenten nieder wälzten, heute tausende Menschen Blumen kaufen, um sie Parteigründer Mao vor seine gläserne Vitrine zu legen. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt uns allerdings nicht, schon werden wir an einer strahlend beleuchteten Mao-Statue in den Hauptraum des Grabmals vorgeschoben. Hier herrscht andächtige Stille, doch schon drängt der nächsten Schub an Verehrern nach und wir können nur einen kurzen Blick auf das wächserne Gesicht des Leichnams werfen. Ganze Heerscharen von Helfern sind damit beschäftigt, die rund ums Grab niedergelegten Blumen wieder fortzuschaffen, um sie draußen am Platz gleich wieder an die nächsten Wartenden zu verscherbeln. Am Ausgang bekommen wir von einem Angestellten noch ein Prospekt in die Hand gedrückt, in dem der „greatest Chinese leader“ gefeiert wird, und schon stehen wir wieder am windigen Tian'anmen Platz. Wir sind überrascht, wie perfekt geölt der Personenkult rund um Mao noch zu funktionieren scheint, selbst wenn sich das China außerhalb der Mausoleumsmauern rasant ändert. Mao würde sich jedenfalls in seinem Glassarg umdrehen, würde er von den Reformen seiner Politkinder erfahren.

Für heute haben wir genug kommunistische Gehirnwäsche getankt. Wir verlassen den Platz und tauchen nochmals in die verwinkelten Gassen von Pekings Hutongs ein, wo wir die Dorfatmosphäre mitten in der Großstadt genießen. Bei einem zugefrorenen See gibt es Schlittschuhe auszuborgen, wir stöbern am Straßenrand in Kisten voll raubkopierter DVDs, und naschen kandierte Äpfel, die an jeder Straßenecke verkauft werden. Ob die alten Stadtviertel inmitten der Hochhausgeschwüre eine Zukunft haben ist ungewiss, denn die fortschrittsgläubigen Behörden betrachten das traditionelle Leben in den Hutongs als rückständig. Bis zur Olympiade 2008 ist großes Saubermachen angesagt, überall wird schon jetzt abgerissen. Ein paar der Straßenzüge werden wohl für Touristen schön herausgeputzt erhalten bleiben, aber der Großteil der Wohnviertel wird anonymen Hochhäuserblocks weichen müssen.

Am Abend wandern wir zurück zum Jingshan Park hinter die Verbotene Stadt, um uns den Sonnenuntergang von unserem kleinen Hügel aus anzusehen. Doch der erhoffte abendliche Blick auf die Skyline der Stadt bleibt uns verwehrt, denn mittlerweile hat sich eine dichte Dunstglocke über Peking gelegt. Wo in der Früh noch Wolkenkratzer in der Sonne glitzerten, liegt jetzt grauer Smog. Nur die nahen Dächer der Verbotenen Stadt sind im Nebel noch auszumachen, während die Sonne mystisch rot in den Abgasen versinkt.

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