Blüte im Amboró Nationalpark

Im Tiefland von Bolivien Bolivien Flagge

Santa Cruz, Juli 2008

Bolivien: windgepeitschtes Andenhochland, Panflötenmusik, Hirten mit ihren Lamaherden und schneebedeckte Vulkane. So oder so ähnlich haben wir uns dieses Land im Herzen des Kontinents vorgestellt. Doch im Osten Boliviens an der Grenze zu Brasilien rauchen weder Vulkane, noch gibt es hier grasende Lamas. In der tief gelegenen Provinz Santa Cruz turnen Affen im Blätterdach und streunen Jaguare durch den Regenwald - so versichert uns zumindest unser Führer Julian, mit dessen alten Jeep wir in den Parque Nacional Amboró unterwegs sind, der nicht weit entfernt der Provinzhauptstadt am Fuße der Andenkette liegt. Hinten auf der Ladefläche liegt unser Zelt, wir wollen ein paar Tage gemeinsam mit einem jungen französischen Pärchen im Urwald campen. Obwohl Trockenzeit ist, ist der Himmel grau mit Wolken verhangen; es regnet.

Unser Führer ist eigentlich Kleinbauer. Vor 28 Jahren ist Julian auf der Suche nach etwas fruchtbarem Land vom kargen, staubigen Hochplateau Boliviens hier herunter nach Santa Cruz gezogen. "Für jeden Bolivianer ein Stück Bolivien" hatte die Regierung versprochen und im weiten, ungezähmten Tiefland sollte Platz für alle sein. Damals galt die Region als eine von Gott verlassene Gegend aus endlosen Sümpfen und undurchdringbarem Wald. Julian und einige Gleichgesinnte nahmen ihre Buschmesser in die Hand, begannen den Regenwald zu roden und setzten Flächen in Brand.

Heute manövriert er unseren Jeep vorbei an dürftig aussehenden Maisfeldern, ab und zu stehen ein paar Orangenbäume verloren in der Gegend herum. Viel Ertrag scheint der Boden nicht herzugeben. "Ohne Kunstdünger wächst hier gar nichts", meint er. Bei einer Flussquerung machen wir erst einmal Halt, das Wasser ist durch den Regen der letzten Stunden zu hoch gestiegen. Am anderen Ufer sehen wir die ersten Urwaldriesen in den Himmel ragen, dort drüben beginnt der Wald.

Julian stellt den Motor ab und beginnt zu erzählen: "Die erste Zeit war hart", erinnert er sich. Einen ganzen Sommer lang lag er immer wieder mit Malaria in seiner Hängematte. "Jedes Jahr war ich knapp daran aufzugeben und zurück ins Hochland zu gehen", meint er. Doch Julian war hartnäckig, er blieb. Gemeinsam mit seiner Frau bestellte er das wenig ertragreiche Land, mit anderen Campesinos baute er Wege und eine Schule. "Wir haben von 4 Uhr in der Früh bis spät in die Nacht geschuftet. Bäume gefällt, Mais gepflanzt, Zement für die Schule herbeigeschafft."

Unser Führer erzählt, wie er nach vier Jahren harter Arbeit Mitte der 80er Jahre allmählich die ersten Erfolge feiern konnte. Doch gerade zu dieser Zeit beschloss die Regierung auf internationalen Druck hin, die schnell schwindenden Regenwälder Boliviens mehr zu schützen. Das Land, das sie gerade noch den Bauern zur Verfügung gestellt hatte, wurde per Dekret Teil eines neuen Nationalparks. Die Campesinos sollten weichen, doch Julian und die anderen Siedler wehrten sich. Ein jahrelanger Kampf mit den bolivianischen Instanzen begann, den die Bauern am Ende für sich entscheiden konnten: Bereits bestelltes Land wurde zur "zona de uso múltiple" - zur "Mehrfachverwendungszone" - erklärt. Auf dem Papier wäre das eine Zone mit ökologisch nachhaltiger Landwirtschaft, die in der Praxis jedoch kaum eingefordert wird. Die Campesinos erklärten sich im Gegenzug für ihr Bleiberecht jedoch dazu bereit, nicht noch weiter in den noch verbleibenden Dschungel vorzurücken.

Mittlerweile hat es aufgehört zu regnen, das Wasser im Fluss sinkt rasch. Julian startet seinen Jeep und beginnt zu furten. Einmal auf der anderen Seite tauchen wir rasch in den Wald ein. Über uns schließt sich das Blätterdach, der Urwald schluckt unser kleines Gefährt. Während wir die rutschige Schlammpiste tiefer in den Wald hinein schleichen, tanzen hunderte bunte Schmetterlinge um unser Auto, manche von ihnen so groß wie ein Handteller. Nach ein paar Kilometern erreichen wir eine kleine Parkranger Station, finden sie aber unbesetzt. Julian hat mit den Rangern ausverhandelt, dass wir hier übernachten dürfen.

Nur 27 Wärter überwachen im Amboró eine Fläche, die so groß ist wie das Bundesland Salzburg. Viel zu wenige. "Gegen Holzpiratas haben sie da oft keine Chance", meint Julian. Die modern ausgerüsteten und bestens organisierten Banden rücken in Nacht- und Nebelaktionen mit ihren Geländewagen und Motorsägen an, um wertvolles Tropenholz aus dem Nationalpark zu schneiden. "Am Besten man geht denen aus dem Weg um Ärger zu vermeiden", seufzt unser Führer, die Behörden seien sowieso geschmiert und würden an den Raubaktionen mitverdienen. „Wenn du dich da aufregst, kannst du nur verlieren“, meint Julian. Die lokale Mafia transportiere das Holz in die nächste größere Stadt, so weiß er, und ließe es in dunklen Kanälen verschwinden, bis es als meist falsch etikettiertes, legal geschlägertes Tropenholz in Europa wieder auftauche.

Heute Abend ist allerdings von Kettensägen nichts zu hören, eine laue, tropische Nacht bricht über uns herein. Wir schlagen unser Zeltlager auf, Julian kocht über einem Lagerfeuer Spaghetti. Während wir unser Abendessen löffeln und hunderte Frösche in der Abenddämmerung ein Konzert anstimmen, scheint der ganze Wald friedlich. Als wir spät abends in unser Zelt kriechen, begleiten uns nächtliche Urwaldgeräusche in unsere Träume.

Am nächsten Morgen gießen wir gerade neuen Kaffee auf, als es im Blätterdach über uns zu rascheln beginnt. Eine ganze Familie Kapuzineraffen fällt über die Rangerstation ein; Zwanzig, dreißig Tiere turnen über unsere Köpfe hinweg. Kleine Jungaffen schauen neugierig und schmeißen frech Blütenblätter zu uns herunter, während sie waghalsig von Baum zu Baum hüpfen. Wir können uns kaum satt sehen an dem Spektakel und schießen unzählige Fotos, auf denen dann vor allem Äste und Blätter zu sehen sind.

Julian erzählt uns, dass die Campesinos rund um den Park so ihre liebe Not mit den Tieren haben. Die Affen überfallen teilweise in richtigen Horden die Obstgärten der Bauern und räumen dabei Orangenbäume und Bananenstauden komplett leer. "Die stopfen sich eine Banane in den Mund, klemmen sich zwei in jede Achselhöhle und krallen sich mit jeder Hand noch eine, bevor sie sich wieder aus dem Staub machen." Seinem Nachbarn wurde das Treiben einmal zu bunt, er spritzte Rattengift in seine Bananen. Julian kann sich noch gut an die gespenstische Szene am nächsten Morgen erinnern: "Überall lagen tote Affen herum. Insgesamt sind sicher über 50 Tiere eingegangen", erzählt er. Wir sind hin- und hergerissen, ob wir zu den mittellosen Bauern oder zu den herzigen Affen halten sollen.

Am Nachmittag brechen wir zu einer kleinen Wanderung auf, erkunden frische Jaguar Spuren am Flussufer, entdecken ein Faultier, das lethargisch im Blätterdach hängt und wehren uns mehr oder weniger erfolgreich gegen die beißenden Feuerameisen. Ab und zu zeigt sich ein Tukan mit seinem großen gelben Schnabel in einer Baumkrone, in der Ferne kreischen Brüllaffen um die Wette.

Mittlerweile hat Julian mit dem Nationalpark Frieden geschlossen, erzählt er uns auf unserer Wanderung durch den Wald. Er verdient ganz gut mit den paar Touristen, die sich wie wir hierher verirren und ein paar Tage unberührten Regenwald erkunden wollen. In den letzten Jahren hat er sich sogar eine Tourguide-Ausbildung selbst finanziert, kann über hundert Vogelarten an deren Gesang bestimmen, kennt die Wirkung vieler Heilpflanzen. Unterstützung von staatlicher Seite hat er für seine Ausbildung keine bekommen. „Die Regierung hat uns damals ausgelacht, als wir bei der Gründung des Parks in das Management eingebunden werden wollten“, klagt er ein wenig verbittert, „Wir seien doch nur ein ignoranter Haufen von Analphabeten, die von Nationalparks und Tourismus keine Ahnung hätten, haben sie in der Hauptstadt La Paz gesagt, als wir unsere Anliegen vorgebracht haben“.

Heute sind Bauern wie Julian jedoch vielleicht die letzte Chance für den Regenwald: Je mehr Campesinos mit Touristen im Nationalpark Geld verdienen, umso größer wird auch der lokale Druck auf die Behörden, das Ökosystem intakt zu erhalten und bei Raubzügen der illegalen Holz-Banden nicht mehr beide Augen zuzudrücken. Viel Zeit zum Handeln bleibt allerdings nicht. Boliviens Regenwald schwindet in rasantem Tempo.

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