Gulf Development Road, Australien

Unterwegs auf der Gulf Development Road Australien Flagge

Darwin, August 2003

Wir haben ein ganz schön mulmiges Gefühl, als wir unser Zelt jetzt am Abend im lichten Eukalyptuswald zwischen mannshohen Termitenhügeln mitten im Nirgendwo aufstellen. Vor kurzem ist die Sonne blutrot über der ausgedehnten Steppenlandschaft des Northern Territories untergegangen. Weit und breit ist niemand zu sehen, wahrscheinlich sind wir die einzigen Menschen in einem Umkreis von einigen hunderten Kilometern. Es war ein ganz schön langer Tag, an dem wir die erste Etappe der Gulf Development Road hinter uns gebracht haben, wir sind ziemlich erschöpft.

Vor ein paar Monaten hat sich eine Fahrt auf der Straße nach einem lässigen kleinen Abenteuer angehört. Damals haben uns die beiden Schweizer Freddy und Daniela in Adelaide besucht. Die zwei waren schon länger in Australien unterwegs und haben von ihrer Fahrt mit ihrem VW Bus durch die einsame Gegend des Golfs von Carpentaria ganz im Norden des Kontinents erzählt. Der Highway 1, der sich wie eine große Schlinge um ganz Australien legt, verwandelt sich hier im unbesiedelten Niemandsland zwischen Queensland und Northern Territory in eine kaum befahrene Staubpiste. Die beiden schwärmten von abenteuerlichen Flussdurchquerungen, von einsamen Lagerfeuern im australischen Outback.

Wer von Cairns im Osten Australiens nach Darwin will, hat mehrere Routen zur Auswahl, wobei die nördlichste Strecke entlang der Küste vor allem zwischen den kleinen Kaffs Burketown in Queensland und Cape Crawford im Northern Territory eigentlich nur für geländegängige Autos ratsam ist. Mit unserem 22 Jahre alten Ford Laser ist die Gulf Development Road, wie der Abschnitt der Ringstraße um den Kontintent hier heißt, wohl kaum zu machen. Als wir den Kleinwagen vor über einem Jahr in Adelaide gekauft haben, hat uns der Händler geraten, das Stadtgebiet damit nicht zu verlassen – sollten wir unerwarteter Weise mit dem alten Kübel wo stehen bleiben, wären wir froh, eine Werkstätte in der Nähe zu haben. Doch Freddy und Daniela haben uns eine Idee in den Kopf gesetzt, die uns nicht mehr loslässt. Wir wären ja nicht die ersten, die ihr Glück mit einem normalen Fahrzeug versuchten. „We do have a Four-Wheel-Drive“, hat Freddy am Golf von Carpentaria jedem erzählt, der sich über den alten VW Bus der beiden Schweizer auf der Staubpiste gewundert hat: „We have four wheels - and we drive“. Aber Freddy, muss man bedenken, ist schließlich auch Mechaniker, wir dagegen haben keine Ahnung von Autos. Und trotzdem: die Strecke versprach Abenteuer, und so hatten wir eigentlich schon damals beschlossen, unser altes Gefährt einem kleinen Härtetest zu unterziehen.

Als es heute Morgen dann allerdings ernst wurde, haben wir in dem kleinem Kaff Burketown lange hin- und herüberlegt, ob wir die unbefestigte Straße durch die verlassene Gegend tatsächlich wagen sollten. Ein wenig südlicher gab es eine regelmäßiger befahrene, asphaltierte Route über Mount Isa, die uns ebenfalls nach Darwin bringen würde. Bleiben wir aber nahe der Küste, warten ab hier über 440 Kilometer unasphaltierte Piste auf uns. Zwischen Burketown und Cape Crawford im Northern Territory gibt es nicht viel. Zwei Roadhouses, um genau zu sein: Tankstellen im Nirgendwo, die die wenigen, verstreuten Aboriginal Communities mit dem Notwendigsten versorgen.

Für unseren alten Karren ist der Zustand der Piste entscheidend. Der Ford Laser hat nicht viel Bodenfreiheit, wir sind obendrein voll bepackt. Laut unserer Karte stellt uns die Strecke außerdem noch vor andere Herausforderungen: In der Regenzeit ist hier alles überflutet, Burketown nur mit dem Flieger erreichbar, doch wie würden die eingezeichneten Flussfurten jetzt in der Trockenzeit aussehen? Wie hoch das verbliebene Wasser stehen? Liegen ständig große Steine am Weg, die wir vielleicht sogar wegräumen müssen, oder kommen wir zügig voran? Der Tankwart an der kleinen Tankstelle von Burketown zuckte nur mit den Achseln, als er von unserem Vorhaben erfuhr. Wir fragten ihn, ob die Strecke ohne Allrad überhaupt zu machen sei: „You know, some get through, some don't. The road is good up to Hell's Gate, then it gets a bit rough. But you'll be alright.“ Also gut, wir riskieren. Nochmals kontrollierten wir beim Auto alle Flüssigkeiten, füllten Wasser nach, studierten ein letztes Mal die Karte und machten uns auf den Weg. Gleich hinter dem Ortsende von Burketown endet auch der Asphaltbelag. „This is not a Highway“, prangt auf einem gelben Schild in großen schwarzen Lettern. Darunter ein Voranzeiger: „Darwin, 1427km“. Da wollen wir hin.

Die Piste bis zum viel versprechend klingenden Ort Hell's Gate war tatsächlich in brauchbarem Zustand. Ohne größere Probleme erreichten wir das Roadhouse, doch von hier weg wurde die Straße bedeutend schlechter. Die waschbrettartigen Bodenwellen und tiefe Spurrillen auf der Piste machten uns zu schaffen. Unsere Stoßdämpfer sind schlecht, und so krochen wir mit nervenaufreibenden 30 km/h voran und zählten die Kilometer – immer darauf bedacht, nicht mit unserer Bodenplatte aufzusitzen. Unzählige Male stiegen wir aus, räumten Steine aus dem Weg. Doch wir waren begeistert: Die Weite der Landschaft war grandios, die Einsamkeit zum Greifen nah. Offene Steppenlandschaft wechselte sich mit weitläufigen Eukalyptuswäldern ab, warmer Wind wehte von Norden her. Über Stunden begegneten wir keinem anderen Fahrzeug. Die paar Allradfahrzeuge, die uns am Tag auf der Strecke überholten, konnte man an einer Hand abzählen.

Am frühen Nachmittag riskierten wir wieder einen Blick auf die Straßenkarte. Kurz nach der Grenze Queenslands müsste im Northern Territory bald die entscheidende Flussquerung auftauchen, denn auf unserer Karte ist der Calvert River als die größte blaue Schlange eingezeichnet, die sich über unsere Piste windet. Je näher wir dem Fluss kamen, umso mehr stieg unsere Nervosität. Wir redeten nicht mehr viel. Was tun, wenn wir im Flussbett stecken bleiben oder Wasser in den Motor kommt?

Bei Hell's Gate hatte uns der Roadhouse Besitzer noch Fotos von der Furt gezeigt und uns Tipps gegeben, wie wir den Flusslauf am Besten queren. Zu dieser Jahreszeit müssten wir uns wenigstens keine Sorgen wegen Krokodilen machen, meinte er lakonisch: „Just wade through first.“ Und so standen wir dann im knietiefen Wasser, beratschlagten uns über die optimale Spur und beschlossen, erst einmal auf Backup zu warten.

Nach einiger Zeit tauchte am anderen Flussufer ein Pickup-Truck auf. „No worries“, rief der junge Australier übers Wasser, sollten wir stecken bleiben, zieht er uns mit seiner Seilwinde einfach aus dem Fluss. Also setzte sich Stefan hinters Steuer und warf das Automatikgetriebe in Fahrstellung. Mit flauem Gefühl in der Magengegend tauchten wir in die Furt und schlichen langsam durch die Fluten, das Wasser stieg bis zur Motorhaube. Kurz stotterte der Motor, doch unser Ford Laser pflügte sich wie ein Schiff sicher durchs Wasser. Auf der anderen Flussseite angekommen fielen wir uns beide um den Hals. Für genau 20 Sekunden glaubten wir, es geschafft zu haben. „Who needs a Four-Wheel-Drive!“, gratulierte uns der Pickup Fahrer, „With a Laser! You guys are legend!“. Wir strahlten übers ganze Gesicht.

Allerdings nur, bis uns der Australier von den nächsten drei Furten erzählte. Die kommende sei ein wenig tiefer als diese hier, meinte er ein wenig besorgt mit Blick auf unser Fahrzeug. Er ließ uns am Boden zerstört zurück. Noch konnten wir umdrehen, aber nochmals durch diesen Fluss zurück, den wir gerade so erfolgreich durchquert haben? Wir wussten jedoch genau, dass es kein Zurück mehr gab, wenn wir uns jetzt für die Weiterfahrt entschieden: Unser Benzin würde nicht mehr reichen, um zurück bis Hell's Gate zu kommen. Nach langem Überlegen siegte die Unvernunft und das Vertrauen in unser Auto. Wir fuhren weiter.

Wir kamen allerdings nicht mehr weit, denn die Sonne stand schon tief am Himmel, und so begannen wir vor einer Stunde nach einem geeigneten Campingplatz Ausschau zu halten. Als wir es uns jetzt vor unserem Zelt gemütlich machen, kriecht langsam der Vollmond über den Horizont und taucht die Eukalyptusbäume um uns in ein fahles, silbernes Licht. Abertausende Sterne funkeln am südlichen Nachthimmel, hoch über uns steht das Kreuz des Südens. Eine Riesenechse kommt kurz auf Besuch, als wir beginnen, unsere Spaghetti zu kochen. So haben wir uns das vorgestellt.

Doch in der Nacht schlafen wir schlecht, träumen von reißenden Flüssen und riesigen Steinen im Flußbett. Schon beim ersten Morgengrauen bauen wir am nächsten Morgen unser Zelt ab, denn schlafen können wir ohnehin nicht mehr. Laut unserer Karte fehlen noch 60 Kilometer bis zur nächsten Flussquerung. Da ist es wieder, dieses dumpfe Gefühl in der Magengegend. Als wir am späten Vormittag den Fluss erreichen und die Furt in Augenschein nehmen, spüren wir fast ein wenig Erleichterung. Wenigstens wissen wir jetzt, was uns erwartet.

Die Furt scheint wirklich noch eine Spur tiefer zu sein, als die letzte, doch ein gemaltes „Achtung Krokodile“-Schild schreckt uns diesmal davon ab, den Fluss vorab zu Fuß zu durchwaten. Der Ford Laser wird heute seine Geländegängigkeit im Blindflug unter Beweis stellen müssen, und so steuern wir langsam genau die Bugwelle entlang durchs Wasser, das an unseren Seitentüren immer höher kriecht. Der Motor spuckt, stirbt aber erst ab, als wir bereits wieder auf trockenem Boden am anderen Flussufer stehen. Geschafft!

Ab hier ist der Rest der Piste ein Kinderspiel. Die weiteren Flussüberquerungen sind im Vergleich zu den ersten beiden nicht der Rede wert – und doch sind wir heil froh, als wir nach über 36 Stunden wieder Asphalt unter den Rädern haben. Uns kann jetzt nichts mehr aufhalten. Darwin, wir kommen.

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