Glenelg Jetty in Adelaide, Australien

Flugangst Australien Flagge

Adelaide, Juli 2003

Es ist ein kalter Juli Wintertag, als wir entlang der nördliche Ausfallsstraße an Gebrauchtwagenhändlern, schäbigen Vorstadtsiedlungen und kleinen Industrieanlagen vorbei zur Stadt hinaus fahren. Unsere Herzen schlagen höher, als wir langsam die Häuser hinter uns lassen und die Großstadt weiten Feldern und kargem Weideland Platz macht. Two Wells, Port Wakefield, Port Pirie. Wir sind tatsächlich unterwegs!

Die Namen der kleinen Ortschaften nördlich von Adelaide klingen vertraut. In den letzten Monaten sind wir oft auf unserem Weg zu den kahlen Bergen der Flinders Ranges oder zu den einsamen, langen Stränden der Eyre Peninsula hier vorbeigekommen. Doch diesmal schwingt ein wenig Wehmut mit, denn so bald werden wir unsere neu gewonnene neue Heimat nicht wieder sehen. Heute Morgen haben wir unsere letzten Habseligkeiten in den Kofferraum unseres 20 Jahre alten Autos gepackt, die Schlüssel der leer geräumten Wohnung zurückgegeben und waren noch ein letztes Mal auf der Post, um einige Sachen nach Österreich zu schicken, die wir auf unserer Reise nicht brauchen können.

Nachdem wir ein Jahr in Südaustralien gelebt und gearbeitet haben, haben wir unsere Zelte in Adelaide wieder abgebrochen, wir sind auf dem Weg zurück nach Hause nach Österreich. Allerdings steigen wir diesmal nicht in einen Flieger, sondern werden zehn Monate lang auf dem Landweg über Asien nach Europa reisen. Die Idee schwirrte schon länger in unseren Köpfen herum, doch wir begannen erst einen Monat vor dem längst feststehenden Termin ernsthafte Vorbereitungen zu treffen und besorgten noch schnell die wichtigsten Dinge wie Rucksack und Schlafsack. Eine ungefähre Reiseroute haben wir uns auf der Landkarte lediglich bis Bangkok zu Recht gelegt, doch eigentlich wollen wir uns nicht schon im Vorhinein auf einen Weg oder auf bestimmte Ziele festlegen.

Eine tiefstehende Wintersonne begleitet uns nun auf den ersten Kilometern Richtung Norden. Je weiter wir uns von Adelaide entfernen, umso karger wird die Landschaft, langsam geht der Busch in offene Steppe über. In dem Kaff Port Augusta verlassen wir die Küste und nehmen eine kleine Nebenstraße hinauf zum Pichi Richi Pass in die ersten Ausläufer der trockenen Berge der Flinders Ranges. Am Wegrand wachsen gelbe, stachelige Büsche im roten Staub. Grau gefiederte Emus, australische Verwandte des Vogelstrauß, flüchten aufgeregt ins hohe, verdorrte Gras links und rechts der Straße, wenn wir mit unserem Auto näher kommen. Bei kleinen Wasserlöchern recken sich knorrige Eukalyptusbäume mit ihren silbrigen Blättern in den stählernen Himmel. Rostige Windräder pumpen kostbares Nass in Wassertröge, um die sich ausgemergelte Rinder drängen. Wir kurbeln unsere Fenster hinunter und spüren den kühlen Fahrtwind im Gesicht. Es ist gut, endlich unterwegs zu sein.

In den letzten Wochen ließ eine innere Zerrissenheit unsere Vorfreude immer wieder in Zweifel umschlagen. Macht das überhaupt Sinn, was wir da vor haben? Stefans Gegenüber im Büro hielt mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg, als Stefan ihm erzählte, er werde seine Doktorarbeit auf der Universität nicht weiter verfolgen: "Ihr wollt also wirklich zehn Monate eures Lebens einfach so verschwenden?", meinte Wolfgang bestürzt, "wenn du dich in ein Flugzeug setzt, bist du doch in ein paar Stunden zu Hause." Doch genau da lag ja ein Stück weit die Motivation unserer Entscheidung, am Landweg zurück zu reisen.

Vor einem Jahr sind wir im Hochsommer in Österreich aufgebrochen, sind in Wien in einen Flieger gestiegen, haben mit einem Zwischenstopp in Bangkok in ein paar Stunden Flugzeit die halbe Welt umrundet, und wurden im winterlich regnerischen Adelaide wieder ausgespuckt. Die Welt war klein geworden, aber irgendwie hatten wir das Gefühl, unsere Hoffnungen, unsere Ängste, unsere Träume waren in Wien nicht mit ins Flugzeug eingestiegen. Die neue Umgebung, die neue Herausforderung erschien in den ersten Tagen, Wochen surreal. Oft dachten wir an Freunde und Familie zu Hause, an das gerade erst gefeierte Abschiedsfest. Wir saßen im nasskalten Adelaide und hörten über Internetradio den Wetterbericht für das sommerliche Wien und die aktuellen Staumeldungen auf der Südosttangente. Die Heimat ließ uns erst nach und nach los. Viel langsamer als wir selbst wanderten unsere Gedanken von Europa rund um den Globus in den neuen Kontinent, ließen sich Zeit, holten uns schließlich erst irgendwann später in Südaustralien wieder ein.

Für den Heimweg wollten wir uns bewusst mehr Zeit nehmen. Zeit, einige Monate lang nicht von Job und anderen Verpflichtungen getrieben zu sein. Zeit, um Neues zu entdecken. Zeit, die Gedanken mit uns wandern zu lassen. Zeit für uns. Aber irgendwie klang das auch ein wenig zu sehr nach Traumspinnereien. Im Grunde unseres Herzens sind wir beide nicht gerade risikofreudig, haben gern ein Sicherheitsnetz gespannt. Stefan plagte die Angst, wie man Ende zwanzig als Berufseinsteiger ein Jahr Auszeit im Lebenslauf erklären sollte. Christa verzweifelte nach jedem Blick auf unsere Ersparnisse und machte sich berechtigte Sorge, wie weit unser Geld überhaupt reichen würde. Nein, Luxusreise wird das bestimmt keine, wir hoffen irgendwie über die Runden zu kommen. In Wahrheit hat es ganz schön Kraft gekostet, unsere Sicherheitsnetze zu durchschneiden und aufzubrechen.

Unser erstes Tagesziel ist ein kleiner Campingplatz im Flinders Ranges Nationalpark, den wir auf einem unserer früheren Ausflüge hierher entdeckt haben. Die Parkverwaltung in Wilpena Pound ist eine Autostunde entfernt, wir sind die einzigen, die heute hier im Norden des Gebirges am Rande der Wüste übernachten. Unser Zelt ist schnell aufgebaut und die Daunendecke rasch im Inneren verstaut, es wird eine kalte Winternacht in der Steppe werden. Doch während wir kurze Zeit später in der Weite des Outbacks um unser kleines Lagerfeuer sitzen, gemütlich Bier und Cider trinken und unser Chili Con Carne aus Plastikschüsserln löffeln, wird uns immer klarer, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Als sich langsam die Dämmerung über uns legt und abertausende Sterne am Himmel zu funkeln beginnen, verfliegen mit der hereinbrechenden Nacht auch die letzten Zweifel über unser Vorhaben. Jeder Tag in den nächsten Monaten wird einzigartig, und um die Zeit danach kümmern wir uns, wenn es soweit ist. Jetzt kann einmal das Abenteuer beginnen.

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