Canada Senator im Hafen von Genua, Italien

Fährt ein blaues Schiff nach Montreal Italien Flagge Kanada Flagge

Atlantik, August 2007

Dienstag Abend, der 7. August 2007. Mit drei anderen Passagieren stehen wir ganz oben am Sonnendeck des Container Schiffes, das uns in knapp zwei Wochen von Genua aus über den Atlantik nach Kanada bringen soll. Die genaue Abfahrt der Canada Senator hatte sich zuletzt nochmals um ein paar Tage nach hinten verschoben, während der wir uns die Wartezeit in den engen, verwinkelten Gassen der italienischen Hafenstadt vertrieben haben. Doch eigentlich waren wir längst ungeduldig, konnten es kaum mehr erwarten aufs Schiff zu kommen.

Gestern abends haben wir dann von der Hafenmole aus voller Freude das einlaufende Schiff begrüßt. Riesig schaut es aus. Wir durften gleich nachdem das Schiff geankert hatte an Bord, doch bis zum erneuten Auslaufen verging noch einmal mehr als ein Tag, den wir bereits am Schiff verbrachten. Einen ganzen Nachmittag sahen wir fasziniert zu, wie Container mit riesigen Kränen verladen wurden und im Schiffsbauch verschwanden. Unglaublich, wie viel hier von Europa nach Amerika verfrachtet wird. „Hier haben wir französisches Parfum. Das gilt als Gefahrengut“, wird uns der deutsche Kapitän später erklären und mit seinem Finger auf eine Skizze zeigen, auf der alle Container eingezeichnet sind, „Und in diesen Containern hier hinten lagern Tonnen an Fleisch. Die müssen wir kühlen. Bei allen anderen habe ich ehrlich gesagt keine Ahnung, was drinnen ist. Wahrscheinlich Wein aus Frankreich und Bier aus Deutschland. Irgendwo haben wir hier aber eine Liste für den Zoll, falls es Euch interessiert.“ Ganze tausend Container wird das Schiff auf dieser Fahrt über den Atlantik transportieren, ungefähr fünfhundert davon haben wir in Genua an Board genommen.

Am Abend des Auslaufens haben wir uns mit Manfred aus Deutschland und den beiden Schweizern Nicole und Gérard am Deck oben verabredet. Die drei anderen Passagiere sind alle etwas älter als wir: Manfred kommt vom Bodensee und hat in der Nähe von Neufundland ein Blockhaus. Nicole und Gérard wollen ihren Sohn in Toronto besuchen.

Vom obersten Aufbau aus haben wir einen guten Überblick über die Hafenanlage, die jetzt in der Nacht in grelles Flutlicht getaucht ist. Die beiden Ladekräne sind mittlerweile abgezogen und weiden bereits wie zwei riesige Kraken den nächsten Schiffsbauch aus, während unser Schiff klar zum Auslaufen gemacht wird. Gérard hat Wein mitgebracht, und als die Matrosen die Leinen los machen, stoßen wir zu fünft auf unsere Abfahrt an. Ein Schleppschiff zieht uns aus dem hell beleuchteten Hafen in die dunkle Nacht hinaus. Amerika, wir kommen!

Neben den 1000 Containern sind insgesamt auch 37 Personen an Bord unseres Frachters. Die Canada Senator gehört der deutschen Niederelbe Schifffahrt und fährt seit 2 Jahren nicht mehr unter liberischer, sondern wieder unter deutscher Flagge, denn Deutschland unterstützt seit einiger Zeit mit finanziellen Anreizen die eigene Seefahrt, und so wechselten viele Reedereien die Nationalität ihrer Schiffe. Unser Frachter ist außerdem Ausbildungsschiff der Schifffahrtsgesellschaft. Mit uns sind acht neue Lehrlinge der Schiffsschule von Rostock an Bord gegangen, und auch die restliche Mannschaft am Schiff ist ziemlich jung. Der Kapitän ist Metallica Fan und geschätzte 40, der erste Offizier jünger als wir. Während Offiziere, Chefingenieure und Ausbildner Deutsche sind, kommen die Mechaniker aus Polen, die Matrosen und der Koch von den Philippinen.

An Bord hat sich schnell eine gemütliche Routine gefunden. Wir sind ziemlich beschäftigt, vor allem mit Essen: 1/2 8 Uhr Frühstück, 10 Uhr Kaffee, 11 Uhr in der Lounge mit den anderen Passagieren Martini trinken, 1/2 12 Uhr Mittagessen, 3 Uhr Nachmittagskaffee, 1/2 6 Uhr Abendessen, dann ist mit Nicole, Gérard und Manfred Treffpunkt am obersten Deck zum Bier trinken. Und jeden Tag am Atlantik können wir eine Stunde später aufstehen, da wir täglich eine Zeitzone passieren. Die perfekte Erholung!

Oft sind wir gemeinsam mit den drei anderen Passagieren vorne am Bug. Das ist eindeutig unser Lieblingsplatz, denn hier hört man keinen Maschinenlärm mehr. Nur der Wind pfeift uns um die Ohren und die Wellen schlagen gegen das Schiff, während es durchs Wasser gleitet. Stundenlang schauen wir aufs Meer, das sich in seiner vielfältigen Farbenpracht zeigt: Manchmal wogt es silbrig grau, dann wieder schimmert es tief grün oder glänzt golden in der Abendsonne. Besonders fasziniert sind wir von dem lichtdurchfluteten Blau des Atlantiks, wenn die Sonne hoch über uns am Himmel steht und die Strahlen tief ins Wasser dringen und den Ozean förmlich zum Leuchten bringen. Da kann Yves Klein mit seinen patentierten blauen Farbkleksen einpacken.

Vorne am Bug halten wir auch immer wieder gern nach Meeresbewohnern Ausschau. Schildkröten paddeln manchmal gemächlich an der Wasseroberfläche dahin, fliegende Fische hüpfen aus dem Meer, segeln 10, 15 Sekunden über dem Wasser bevor sie wieder im Ozean verschwinden. Einige Male steht tief unter uns ein Hai regungslos im Wasser, und immer wieder entdecken wir Delphine, die aufgeregt zum Schiff schwimmen um nachzusehen, was da los ist. Oft probieren einige von ihnen, ein Stück mitzuhalten und springen vor dem Bug immer wieder aus dem Wasser, bevor sie aufgeben müssen. Wir freuen uns riesig, als im kalten Gewässer vor der kanadischen Küste im Delta des St. Lorenz Stroms auch noch Beluga Wale auftauchen.

Während der Überfahrt dürfen wir uns am gesamten Schiff frei bewegen. Auch auf der Brücke sind wir während der langen Wachzeiten der Mannschaft gern gesehene Gäste, wo wir uns mit dem jungen ersten Offizier anfreunden. So wie wir ist er begeisterter Schitourengeher. Er zeigt uns Radar- und GPS Geräte, erklärt uns den Sextanten, und wir dürfen auf seinen riesigen Seekarten immer mitschauen, wo wir uns gerade befinden. Geduldig beantwortet er unsere vielen Fragen. Steuerbord ist rechts, Backboard links, und ein Faden, so lernen wir, misst ein 1/1000 einer Seemeile, also 1.8 Meter. Als wir wissen wollen, wie viel Liter Diesel wir eigentlich pro Tag verbrauchen, fängt er fast zu lachen an: „Diesel? Unser Schiff fährt mit Schweröl“, beginnt er zu erklären, „und davon pulvern wir jeden Tag 50 Tonnen ungefiltert in die Atmosphäre.“ Allein der Treibstoff kostet 15.000 Dollar pro Tag, dabei spielt die Canada Senator mit ihren 1000 Containern verglichen mit den neueren Schiffen sowohl was Größe als auch was Geschwindigkeit betrifft eher in der Unterliga. Während wir mit 18 Knoten, also ungefähr 35 km/h, unterwegs sind, sind neue Frachter teilweise viermal so groß, schaffen aber bis zu 25 Knoten Fahrt.

Unglaublich schnell vergehen für uns die 13 Tage auf offener See. Die Philippinos schmeißen am letzten Abend vor unserer Ankunft in Montreal noch eine Karaokeparty, bevor wir schließlich nach 4153 Seemeilen oder 7691 Kilometern am 19. August in der kanadischen Stadt anlegen. Der Abschied von der Mannschaft und den anderen Passagieren ist herzlich. Für uns ist es schwer vorstellbar, dass die deutsche Crew über vier Monate am Schiff bleibt. Die Philippinos haben sogar sieben, manche acht Monate lange Verträge. In Montreal können sie wenigstens ein paar Stunden an Land.

Für uns wird es Zeit, unsere Rucksäcke zu packen. Einmal von Board drehen wir uns noch einmal kurz zu unserem Schiff um, dann machen wir uns auf den Weg durch das Tor zum Hafengelände hinaus. Ein neuer Kontinent wartet!

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